Kultur : Das Gute in ihr

Cooles Drama: Mike Binders „An deiner Schulter“

Martin Schwickert

Alkoholiker zu spielen, ist eine Kunst für sich. Schnell verliert sich die Figur in der Karikatur, kippt die Darstellung – wie bei Nicolas Cage in „Leaving Las Vegas“ – ins Overacting. In Mike Binders „An deiner Schulter“ erkunden Joan Allen und Kevin Costner kunstvoll die Nuancen der Trunkenheit. Allen spielt die verbitterte Hausfrau Terry Wolfmeyer, die über Nacht von ihrem Mann mit vier heranwachsenden Töchtern sitzen gelassen wurde. Terry kippt die Wodka-Sodas, und durch den Alkohol bahnt sich eine gallige Wut ihren Weg. Danny Davis (Kostner) wohnt ein paar Blocks weiter und scharwenzelt um die Vierfachmutter herum. Der anhaltende Alkoholgenuss hat den Ex-Baseballstar zu einem arg entspannten Zeitgenossen werden lassen, der sich auf Terrys Familiensofa fläzt und einfach nicht mehr weggeht.

Drumherum oszillieren die vier Töchter – und mit ihnen verschiedene Rebellionsformen gegen die Mutter. Andy (Erika Christensen) beginnt eine Affäre mit einem schmierigen, älteren Radioproduzenten. Emily (Keri Russell) strebt gegen den Willen der Mutter eine Karriere als Tänzerin an und hungert sich ins Familienabseits. Die älteste Tochter Hadley (Alicia Witt) stürzt sich nach dem College-Abschluss zügig in die Familiengründung, während die jüngste Tochter Popeye (Evan Rachel Wood) ihre ersten sexuellen Erfahrungen ansteuert.

„An deiner Schulter“ (im US-Original treffender „The Upside of Anger“) ist keines dieser verklärenden Frauenfilmchen aus Hollywood, die den selbstlosen Kampf alleinerziehender Mütter beschwören. Die Wut und die Selbstverachtung, mit denen Terry ihre Verlassenheit zu bewältigen sucht, stehen im Zentrum der Familientragikomödie. Wie „American Beauty“ lotet der Film die Selbstzerstörungskräfte der Upper-Middle-Class aus. Allerdings geht es Binder weniger um satirische Entlarvung, sondern um einen emotionalen Realismus, der erfrischend unsentimental auf seelische Vernarbungsprozesse blickt.

Joan Allen erstickt mit ihrem Spiel jeden Anflug von Rührseligkeit. Kevin Kostner, der sich für den Film 20 Kilo angefressen hat und sein verblassendes Womanizer-Image souverän ironisiert, bildet mit seiner schwabbelnden Indifferenz den idealen Gegenpol. Einziger Schwachpunkt: eine Rahmenhandlung, die das zerstörte Familienideal retrospektiv wiederherzustellen versucht.

In acht Berliner Kinozentren; OV im

Cinestar Sony-Center

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben