Kultur : Das Häkchen an der Sache

Heilige Schrift: eine Typographie-Ausstellung im Berliner Bauhaus-Archiv.

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Was man schwarz
Was man schwarz

„Typographie ist im Druck gestaltete Mitteilung, Gedankendarstellung“, schrieb Bauhaus-Meister László Moholy-Nagy 1925: „Photographie ist visuelle Darstellung des optisch Fassbaren. Das Typophoto ist die visuell exaktest dargestellte Mitteilung.“ Wenige Jahre später erklärte Jan Tschichold in zeittypischer Kleinschreibung: „gerade auf dem kontrast zwischen den scheinbar dreidimensionalen gebilden der fotos und den flächigen formen der schrift beruht die starke wirkung der typographie der gegenwart.“

Den Gestaltern der Moderne ging es nicht mehr in erster Linie um Schrift, sondern um Mitteilung. Doch waren sie damit nicht so neu, wie sie glaubten. Die ganze Familie der Groteskschriften, also jener Schriften, die ohne den Buchstaben abschließende, als „Serifen“ bezeichnete Querstriche und Häkchen auskommen, entstand aus dem Bedürfnis, in der Werbung optisch klare Ansagen zu machen. Serifenlose Schriften bilden heute die Grundlage der Computerschriften, um Verwischungen in der gepixelten Bildschirmdarstellung auszuschließen.

Es liegt nahe, dass das Bauhaus-Archiv der Typographie eine Ausstellung widmet. Denn wenn das Bauhaus prägend gewirkt hat, dann vielleicht am stärksten in der Gestaltung von Drucksachen. Allerdings lag das Bauhaus damit in der Strömung der Zeit. Tschichold, Willi Baumeister, Kurt Schwitters, um nur einige der großen Schriftgestalter der Weimarer Epoche zu nennen, haben nie am Bauhaus studiert oder gelehrt und doch einen mindestens ebenso starken Einfluss ausgeübt. Die Ausstellung „ON-TYPE: Texte zur Typografie“ versammelt 222 Texte – und zwar als Objekte an der Wand: als abreißbare Zettel, so ganz im Sinne des Mephistopheles, der im „Faust“ sagt, „Denn was man schwarz auf weiß besitzt/Kann man getrost nach Hause tragen.“

So ist die Ausstellung vom Mainzer Gutenberg-Museum denn auch konzipiert: als Mitmach- und Mitnehm-Ausstellung. Eigentlich, sollte man denken, sind alle Schriften bereits erfunden, zumal seit der Renaissance, die mit der Besinnung auf die Antike die wunderbaren Antiqua-Schriften erfand, deren zeitlos Schönste bereits Aldus Manitius in Venedig 1495 ersann. Doch, doch, es kam schon noch einiges hinzu, die Ausstellung setzt ja erst im Jahr 1900 ein und kommt dann beispielsweise zur Londoner U-Bahn-Schrift von Edward Johnston aus dem Jahr 1916, der „Johnston Sans“, einer „serifenlose Linear-Antiqua“.

Die Schweizer Typografie nimmt breiten Raum ein, immerhin ist die Helvetica nach ihrem Ursprungsland benannt. Und wer neue Schriften erfand, der hatte dazu auch etwas Grundsätzliches mitzuteilen. Möglichst in der eigenen, neuen Schrift.

Nachzulesen ist das alles in den „Texten zur Typografie“, dem Begleitbuch der Ausstellung, einem wunderbaren Druckerzeugnis, das nicht nur erklärt, sondern in Faksimiles aus wegweisenden Büchern der Typografie-Geschichte ein Museum zwischen Buchdeckeln darstellt. Verlegt, wo sonst: in der Schweiz. Bernhard Schulz

Bauhaus-Archiv, Klingelhöferstr. 14, bis 5. August, Mi - Mo 10 - 17 Uhr. Begleitbuch bei Niggli (Sulgen/Zürich), 244 S., 42 €.

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