Kultur : Das Hauptstadtgewühl

Ganz Berlin ist eine Operette: „Wie einst im Mai“ im Schlossparktheater

Christine Lemke-Matwey

Die Perspektive ist interessant: die Hauptstadt anno dunnemals von schräg unten. Die erste Dampflok Berlin-Potsdam, das Brandenburger Tor, die Geburtstagstorte für Ottilie von Henkeshofen, genannt „Otti“, der Busen der wunderbar miesepetrigen Dagmar Biener alias Mechthilde von Kiefernspeck, das Buffet bei Kroll, die amerikanische Freiheitsstatue – alles viel größer noch als überlebensgroß auf der kleinen Bühne des Steglitzer Schlossparktheaters. Dass das Leichte in der Kunst bis heute das Allerschwerste ist, bekommt man hier zu spüren. Und das ist schon ein bisschen schade, zumal die Darsteller für „Wie einst im Mai“ allesamt ihre Herzen an die Rampe werfen.

Vasiliki Roussi ist mit brustig-erotischem Timbre von der Göre bis zur Großmama eine in allen Lebensaltern klug disponierende Ottilie von Adel, Matthias Freihof ihr lustvoll berlinernder Fritz Jüterbog, ihr Schlosser aus dem Volk. Tobias Bonn und Jens Janke geben als Stanislaus von Methusalem und Cicero von Henkeshofen ein sich prächtig steigerndes Gecken-Paar ab, Andreas Mannkopf darf erst als väterlicher Major brillieren und dann als cholerischer Regisseur Radansky (!), und auch Horst Schultheis, die fabelhafte Georgina Chakos als Josefine-Baker-Verschnitt, die entzückende Marta Helmin und Michael Chadim sind keinesfalls zu vergessen.

Die wahre Operette kennt kein ungebrochen illusionistisches Theater. Was also wäre aus größerer Distanz mehr oder besser zu erkennen? Vielleicht dies: Wo genau in Walter und Willi Kollos lose gestricktem Gute-Laune-Macher „Wie einst im Mai“ die Grenze verläuft zwischen aufrichtig beseeltem Sentiment und funkelndem Trash, zwischen Ernst und Kitsch. Und wie sich ein Stück, das 1913 geschrieben und ein Jahr nach dem Ersten Weltkrieg uraufgeführt wurde, derart verlässlich imprägnieren kann gegen jedwede Zeitgeistigkeit, gegen den endgültigen Verlust der europäischen Unschuld, die Diktatur der Technik, die vielen Blicke in die vielen neuen Abgründe.

Nur zum (ungebührlichen) Vergleich: Die „Fledermaus“ etwa thematisiert den Schwarzen Freitag, den legendären Wiener Börsencrash von 1873 – und tanzt ästhetisch tollkühn, mit verbundenen Augen auf dem bröckeligen Rand jenes Kraters, der fortan die Welt bedeuten soll. Wien, wie es weint und lacht. „Wie einst im Mai“ (Regie: Andreas Gergen) hingegen will von Krieg und Welt und moderner Uneigentlichkeit nichts wissen – und massiert mit nimmermüder Kodderschnauze das nostalgische Großstadt-Jemüt, bis es einem beim fünften Aufguss von „Das war in Schöneberg im Monat Mai“ oder „Die Männer sind alle Verbrecher“ gar selbst in den Händen juckt.

Und wenn sich dann noch das Kalauern schadlos-schmerzlos hält („die BVG als Märchenfee“), dann freut sich nicht nur das Steglitzer Publikum: „Et jeht doch nischt, nischt, nischt über Berlin“.

Vorstellungen täglich außer montags

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