Kultur : Das Haus am Rand zum Nirgendwo - die wechselvolle Geschichte einer Berliner Legende

Matthias Oloew

Es war schon damals ein teurer Bau und dank Stahlskelett besonders haltbar. Wohl auch darum hat das Weinhaus Huth als eines der wenigen Häuser am Potsdamer Platz den Zweiten Weltkrieg überstanden. Aber auch, weil es jahrzehntelang zwar einen "Balkonplatz der Geschichte" innehatte, wie es Autor Wolf Thieme beschreibt, zugleich aber am Rand zum Nirgendwo stand. Teuer war es für die Erbauer, die noch 1968 Schulden hinterlassen hatten, aber auch für seine heutigen Besitzer, die in Umbau und Sanierung fast 70 Millionen Mark investierten.

Wolf Thieme hat sein viel besungenes Buch über die Geschichte dieses einzigartigen Hauses überarbeitet und ein neues Kapitel angehängt. Ein Kapitel, das vom Umbau des Stadtviertels und seiner Fertigstellung berichtet. Er hat dies in derselben vorzüglichen Weise getan, die schon das restliche Buch kennzeichnet: gut recherchiert, offen nach allen Seiten, und deshalb kritisch gegenüber allem Jubilieren über das Stadtviertel von DaimlerChrysler. In seinem straffen, journalistischen Stil erinnert Thieme an die Mieter, die vor dem Baulärm kapitulierten und sich den Auszug von Daimler mit satten Beträgen versüßen ließen. Und er ordnet die neue Bebauung ein, die das 1902 errichtete Haus nun umgibt: Die neue Einkaufswelt sei "so ziemlich das Gegenteil von dem, was den Potsdamer Platz gestern einmal ausgemacht hat." Thieme findet den richtigen Ton, und er hat ein Gespür für die leisen Töne. Etwa in der Szene, als eine alte Bewohnerin bei einem Besuch im sanierten Bau den Marmor im Treppenhaus streichelt: "Eine Liebe habe ich zu dem ollen Gemäuer, das gibt es gar nicht."Wolf Thieme: Das Weinhaus Huth am Potsdamer Platz. Die wechselvolle Geschichte einer Berliner Legende. Berlin Edition, 1999. 328 Seiten. 39,80 DM.

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