Kultur : Das Haus an der Brücke

FRANK PETER JÄGER

Wie soll man an diesem zugigen Ort bauen? Schon gar ein Gotteshaus: nur eine Steinwurf von Dresdens Guter Stube, den Brühlschen Terrassen, entfernt, erscheint der handtuchschmale Geländenstreifen als Unort: ein Niemandsland aus kahlen Rasenflächen, eingeklemmt zwischen Brückenrampe, Elbufer und vielspurigen Autopisten. Auf diesem Flecken soll die neue Dresdner Synagoge entstehen. Die Erdarbeiten begannen im Mai. Nicht auszuschließen, daß die Arbeiter bei der Baugrundberäumung auf letzte Überreste eines wenig bekannten Werkes des Dresdner Baumeisters Gottfried Semper treffen: die alte Dresdner Hauptsynagoge. Sie wurde 1838 begonnen, genau einhundert Jahre vor ihrer Brandschatzung in der Pogromnacht. Heute faßt die kleine Kapelle auf dem Neuen Jüdischen Friedhof, wo seit den fünfziger Jahren die Gottesdienste abgehalten wurden, die Gläubigen nicht mehr - seit der Wende erhält die Gemeinde Zuwachs vor allem aus Osteuropa. Die Initiative für einen Neubau ging maßgeblich von Dresdner Kirchenkreisen aus.

Aus dem Wettbewerb für einen Synagogen-Neubau gingen Mitte 1997 zwei erste Preise als Sieger hervor: der Entwurf des Wiener Architekten Heinz Tesar sowie der des Schweizers Livio Vacchini. Tesars Gebäude mit seiner hakenförmig vorkragenden Oberkante aber stieß ebenso auf die Skepsis der Auftraggeber wie die Arbeit Vaccinis. Nach einer Überarbeitungsrunde wurde der zweite Preis ausgewählt - der gemeinsame Entwurf des Saarbrücker Büros Hoefer, Wandel, Lorch und des Frankfurters Nikolaus Hirsch.

Das junge Architekten-Trio Wolfgang Lorch, Nikolaus Hirsch und Andrea Wandel hatte Anfang 1998 mit der Gedenkstätte am Gleis 17 des Bahnhofs Grunewald auf sich aufmerksam gemacht, die an die von Grunewald aus abgegangen Deportationszüge erinnert. Ihr Dresdner Ensemble besteht aus quadratischen Kuben, deren Außenmauern aus großformatigen Quadern gefügt sind. Die zwei mächtigen, schmucklosen Baukörper rückten die Architekten wie Gegenpole an die äußeren Enden des Grundstücks. Der kleine beherbergt das Gemeindehaus, der größere die Synagoge. Zwischen die Gebäude legten sie einen Vorplatz, der von einer Baumgruppe und dem Umriß der alten Sempersynagoge bestimmt wird.

Lorch und Hirsch spielen mit der Differenz zwischen der Ost-Ausrichtung und der nach Südosten weisenden Längsseite des Grundstücks, indem sie die Quaderlagen des Baus Schicht um Schicht aus der Grundachse herausdrehen - bis die oberste Steinschicht die exakte Ostausrichtung erreicht. Durch die grobe, fensterlose Mauerstruktur wirkt die Außenmauer der Synagoge hermetisch und wehrhaft, sie läßt an eine antike Festung denken. Die Quader sind außen und innen unverputzt. Diese rohe Ummauerung kontrastiert zur zweiten, inneren Hülle des Gebäudes: der Gottesdienstraum wird von einem dichten, textilartigen Vorhang an seinen Seiten und von oben eingefaßt - nur die Ostwand bleibt frei. Die textilen Wände bestehen aus einem dicht gewebten Netzwerk aus ineinandergreifenden Davidssternen. Mit der weichen inneren Wandung spielen die Architekten an auf das alttestamentarische Motiv des Stiftszelts. Durch das Oberlicht im Dach fällt, gebrochen nur durch den dünnen bronzenen Baldachin, das Hauptlicht auf das Torah-Pult im Zentrum des Gottesdienstraums.

Die grob gefügten Außenmauern als Sinnbild des Tempels, das bronzegewirkte Fließ als Anspielung auf das Nomadenzelt in der Wüste - dieser Gegensatz greift ein Motiv auf, das jüdisches Leben in Europa durch Jahrhunderte prägte: Tempel oder Nomadenzelt, Gehen oder Bleiben, das Wagnis, seßhaft zu werden in der Diaspora. Die Innenausstattung des Gottesdienstraumes, seine Ostwand mit dem Torahschrein, die Frauenempore sind, korrespondierend mit diesem Thema, nur wie Möbel in den Raum gestellt. Der Saal im heutigen Zuschnitt faßt 250 Gläubige.

Der bauliche Gegenpart der Synagoge ist das Gemeindehaus. Seine Front ist über alle drei Geschosse zum Vorplatz hin als Glasfassade angelegt, im Gegensatz zur Synagoge gibt sich das Haus sehr offen - "ein großer Guckkasten", wie es Architekt Hirsch formuliert.

Über den wuchtige Turmbau der Synagoge, der am Nordende der Carolabrücke wie ein mächtiger Brückenkopf hoch über dem Elbufer aufragt, kann niemand hinwegsehen, der über die Brücke ins Dresdner Zentrum kommt. Eine höchst selbstbewußte Repräsentanz für die verjüngte jüdische Gemeinde der sächsischen Metropole ist das Ensemble in jedem Fall. Begrüßenswert zudem, daß es den Rand der Dresdener Innenstadt an einer Stelle faßt. Das neue Haus beendet die provisorische Existenz der "Überlebenden"-Generation der Dresdner Juden und ist zugleich eines unter vielen Mosaiksteinchen um dem im nationalsozialistischen Krieg zerstörten Dresdner Zentrum ein Stück seiner Kontur zurückzugeben - und der Stadt ein Stück ihrer einstigen Identität.

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