Kultur : Das Hecheln der Perlentaucherin

„Drawing Restraint 9“: Björk hat den Soundtrack zum Film ihres Mannes Matthew Barney komponiert

Nadine Lange

Zwei Vorsätze hat Björk gebrochen. Der erste lautete, nie wieder in einem Film mitzuspielen. Zu sehr hatte sie die Rolle der erblindenden Fabrikarbeiterin Selma in Lars von Triers Musical-Drama „Dancer in the Dark“ mitgenommen. Den zweiten Vorsatz fasste die isländische Musikerin, als sie vor fünf Jahren den Künstler Matthew Barney kennen und lieben lernte: Niemals wollten die beiden zusammenarbeiten. Nun sind sie in Barneys Film „Drawing Restraint 9“, für den Björk zudem die Musik geschrieben hat, doch zusammen zu sehen.

„Drawing Restraint 9“ entstand im Auftrag des Museums für das 21. Jahrhundert im japanischen Kanazawa. Dort sind derzeit auch die anderen Teile von Barneys Zyklus aus Videoinstallationen, Skulpturen und Fotografien zu sehen. Der amerikanische Künstler, bekannt geworden vor allem durch seine fünfteilige Performance-Video-Serie „Cremaster Cycle“, arbeitet seit 1987 daran. Das zentrale Stück des neuen Werks ist ein Film ohne Dialog. Ein Märchen. Es spielt größtenteils auf einem japanischen Walfangschiff. An Bord befindet sich eine riesige Vaseline-Skulptur. Während eines Sturms zerfließt sie und ergießt sich über das Schiff.

Ein westliches Paar, verkörpert von Björk und Barney, nimmt unterdessen an einer japanischen Teezeremonie auf dem Schiff teil. Die beiden tragen traditionelle Shinto-Hochzeitskostüme aus Fell. Im Laufe der Feier schneiden sie sich gegenseitig die Unterleiber ab und verwandeln sich in Wale.

Für diese eigenartige Szenerie hat Björk einen nicht minder eigenwilligen Soundtrack geschrieben. „The Music from Drawing Restraint 9“ (Polydor/Universal) erschafft eine schillernd-verstörende Wasserwelt. Selbst für treue Hörer, die der Musikerin durch alle Soundexperimente bis zu ihrem reinen Vokal-Album „Medúlla“ gefolgt sind, dürfte der mitunter schmerzhaft spitze Ton der japanischen Sho-Mundorgel und das knapp zehnminütige No-Gesangsstück „Cetacea“ gewöhnungsbedürftig sein. Zudem muss man bis zum vierten der elf Lieder warten, bis zum ersten Mal Björks Stimme erklingt. Verdoppelt und verdreifacht erprobt sie eine Art Unterwasser-Meditation, die immer wieder in einen gedehnten elektronischen Fiepton mündet.

Das Album beginnt mit dem vertonten Brief eines Japaners an den US-General Douglas MacArthur aus dem Jahr 1946. Feierlich trägt Will Oldham den Dank des Mannes für die Aufhebung des Walfang-Moratoriums vor. Dazu erklingen Harfen- und Glockenspiel-Kaskaden. Das Stück illustriert Björk Gudmundsdóttirs positive Einstellung zum Walfang – einer Tradition, die ihr Heimatland mit Japan verbindet. Beide Länder halten sich nicht an das Walfangverbot. Für Umweltschutz-Aktivisten hat Björk nichts übrig. Der „Süddeutschen Zeitung“ sagte sie: „Ich erinnere mich noch, als die ersten Greenpeace-Boote nach Island kamen, Leute aus Stuttgart oder Frankfurt, aus Gegenden, die verrottet und zerstört sind. Die kletterten aus ihren Booten an unsere sauberen Strände und erklärten, wie wir uns der Natur gegenüber zu verhalten hätten. Das fand ich kurios.“

Interessanterweise klingt „Hunter Vessel“ auf „Drawing Restraint 9“, als hätten Umweltschützer das Fangschiff-Motiv geschrieben: Aus einem bedrohlichen Dräuen der Bläser entwickelt sich ein aggressives Stakkato – der Jäger erspäht die Beute und hetzt sie. Ebenso unheimlich geht es in „Storm“ zu, einem der drei Stücke, auf denen Björk singt. Ihre Stimme kämpft sich aus schwappenden Wassermassen und Regenprasseln zu einem möwenartigen Schrei vor, während eine E-Gitarre die versagende Bord-Elektronik simuliert.

Björk nimmt eine Technik aus „Selmasongs“, ihrem „Dancer in the Dark“-Soundtrack, wieder auf: Sie destilliert einen Rhythmus aus den Geräuschen einer Filmszene. So, wie sich damals der Lärm von Fabrikmaschinen in einen Beat verwandelte, gibt jetzt das hechelnde Atmen einer Perlentaucherin den Takt vor.

Mit „The Music from Drawing Restraint 9“ baut Björk weiter an ihrer ganz und gar eigenen künstlerischen Welt. Mit Pop hat das nicht mehr viel zu tun. Aber wozu auch?

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