Kultur : Das Heil der Wölfe

RÜDIGER SCHEIDGES

Die Affäre gab Neuseelands Premierminister Lange den Anlaß, ernsthaft über "umfangreiche Lammfleischexporte" nachzudenken.Dann schlachtete er sein Gewissen: "Es fällt mir schwer, unseren Schafzüchtern in Neuseeland zu erklären, warum sie wegen der Bedrohung eines einzigen Schriftstellers in London geschäftliche Nachteile hinnehmen sollen." Das Land verweigerte sich den weltweiten Protesten gegen den Mordaufruf, die Fatwa, mit der Ayatollah Chomeini 1988 auf das Buch "Satanische Verse" des Schriftstellers Salman Rushdie reagiert hatte.

Im Gegensatz zum politischen Schaf Neuseelands wußte zumindest die nichtislamische Welt genau, worum es auch bei nur einem einzigen Schriftsteller ging: dem Rückfall in die Barbarei zu wehren.Die Fatwa, die trotz der Beteuerungen iranischer Politiker weiterwirkt, hatte Revolutionsveteran Ayatollah Chomeini noch in seinem Todesjahr "im Namen der stolzen islamischen Bevölkerung in aller Welt" ausgesprochen.Es war ein Testament, das bisher, Mohammed und Allah sei Dank, nicht vollstreckt werden konnte.

Es war indes keine iranische Spezialität, sich von den in den "Satanischen Versen" geschilderten fleischlichen Anfechtungen des Propheten tödlich beleidigt zu fühlen.Muslimische Politiker in der einstigen britischen Kolonie Indien, erzürnte Glaubensverfechter im angrenzenden Pakistan und muslimische Bücherverbrenner in Großbritannien hatten dem religiösen Edikt Chomeinis vorausgearbeitet.Wie es einem rechten Priester ansteht, wurde die Anklage des religiösen Oberhauptes der Islamischen Republik Iran auch nicht im Diesseits begründet, bezog sich nicht auf Dissidenz oder politischen Verrat.

Die dreifache Schändlichkeit lautete: Blasphemie, Häresie und Apostasie.Der angeordneten irdischen Vollstreckung entsprechend, wurde das Kopfgeld von einer religiösen Stiftung Irans in satanischer Münze ausgelobt - in Dollars.Das Geld, dem steten Werteverfall im Iran folgend, wurde erst im vergangenen Jahr auf rund viereinhalb Millionen erhöht.Den hochheiligen Schwüren iranischer Würdenträger trotzend, warten die Millionen weiterhin auf einen Abholer.

Die "Affäre Rushdie" mutete im Jahre 1989, als sich in Europa entfremdete Welten zur Wiedervermählung anschickten, wie ein Vorbote jener spalterischen Propheten an, die für die kommende Zeit den Widerruf der europäischen Erfahrung, den globalen Clash of Civilizations vermuteten.Die Völkergemeinschaft der westlichen Staaten reagierte, wenn auch nicht bis nach Neuseeland, geschockt und verdammte den mörderischen Furor des Heilsverkünders Chomeini.Denn dieser wollte sich nicht mit brennenden Büchern begnügen, sondern den Autor höchstselbst den Flammen überantworten.Der Deutsche Bundestag erkannte in dem Edikt eine "Kriegserklärung gegen das Völkerrecht", er stornierte ein Kulturabkommen mit Iran und drohte wie die gesamte EG - wenn auch nur kurzfristig - mit einem Handelsembargo.

Das gleiche Drohritual spulten die genannten Staaten wenig später, nachdem ein Berliner Gericht die Staatsspitze Irans für einen Mordanschlag verantwortlich machte, wieder ab: Entsetzen, Verkündigung einer diplomatischen Eiszeit, demonstratives Abziehen der Botschafter aus Teheran, Drohung mit Wirtschaftssanktionen - und allmähliches Sichfügen in die Interessen der Waffenlieferanten, Ölverarbeiter, Kraftwerksbauer und Schafzüchter.

Iran war und ist politisch wie wirtschaftlich zu anziehend, als daß der Westen die in der Affäre Rushdie sich offenbarende terroristisch exaltierte Intoleranz mit der kompromißlosen Verfolgung der diesseitigen Utopie der Meinungsfreiheit geantwortet hätte.Der Westen gab alsbald wieder Pfötchen, und akzeptierte die Tatsache, daß Salman Rushdie auf unabsehbare Zeit sein Dasein in einem von der Staatsgewalt beschützten Schattenreich fristen sollte.

Die islamische Welt sah und sieht wenig Anlaß, Menschenrechte, freie Meinungsäußerungen und die Unversehrheit von Leib und Leben eines Schriftstellers, der zum Häretiker, Blasphemiker und Lästerer gestempelt wird, als sakrosankt zu akzeptieren.Große islamische Theologen fanden sich nach Bekanntwerden der Fatwa bald und immer wieder am heiligen Ort, in Mekka, ein, wogen den Mordaufruf auf der Waage des Koran und befanden ihn keineswegs als zu schwer: Der Befehl des religiösen Führers, so die Verkündung aus dem Morgenland weiter, sollte am besten in einem islamischen Staat befolgt werden.

Salman Rushdie, im Jahre 1947 in Bombay geboren, muß sich heute, nach endlosen und heimlichen Reisen durch die Nacht, als ein glücklicher Mensch schätzen.Nicht, weil er sich in Sicherheit wiegen könnte.Nicht nur, weil er lebt, Chomeini aber längst tot ist.Wohl eher schon, weil über ihn, den Großmeister des raunenden Imperfekts, alle Welt schreibt und vor allem weiterhin im Präsenz und seine Bücher Welterfolge, hochgelobte millionseller sind.

Er unterliegt keiner religiösen oder politischen Zensur und teilt sich den Platz im Paradies, den Chomeini dem reüssierenden Killer reserviert hatte, keineswegs mit diesem.Schriftsteller-Kollegen solidarisierten sich auf allen Kontinenten und im heiligen Zorn mit dem vom angeblichen Zorn Gottes Verfolgten, und es gibt wohl kaum einen Schriftsteller in der westlichen Welt, dessen Worte auf so viel Neugier und Gehör stießen.

Vor allem gehört Salman Rushdie nicht zu jenen beklagenswerten Schriftstellern, die, weitab vom Interesse einer literarischen Öffentlichkeit, beispielsweise in Iran, wegen ein bißchen zu viel Parodie, ein bißchen zu viel Satire, gefoltert oder umgebracht werden.

Rushdie darf jetzt sagen und schreiben: Das Leben ist schön, und Überleben ist noch schöner.Ayatollah Chomeini hat Salman Rushdie, der Literatur und der Meinungsfreiheit einen großen Sieg beschert.

Der Brite aus Indien lebt dabei ein west-östliches Paradox, vielleicht auch einen milden Aufprall der Kulturen: Die Affäre Rushdie hat dem Westen nicht nur die stete Gefahr des immer möglichen eigenen Rückfalls in die Barbarei gelehrt - der aktuellste ist ja erst ein halbes Jahrhundert her.Sie hat nicht nur die wenige Jahrhunderte zurückliegende Finsternis in die Erinnerung zurückgelockt, eine Finsternis, in der ebenso Blasphemie, Häresie, Apostasie Todsünden waren und ins dieseitige Feuer und in die jenseitige Hölle führten.

Die Morddrohung gegen den Literaten hat schlagartig das Bewußtsein wiederbelebt, welche Explosivkraft Literatur hier einmal hatte, und welche sie, zumal als ketzerisch-frivole, im Orient noch immer hat.Doch der vor allem von US-Autoren benannte Zusammenprall der Zivilisationen war bereits damals ein folgenreiches Mißverständnis, das einem Leugnen der markanten Gemeinsamkeit zwischen der profanen, ketzerischen und lästernden Literatur im Westen und den sakralen Schriften des Islam gleichkommt.

Beides, literarisches Ketzertum und strenge Gläubigkeit, stehen im Idealfall für die Freiheit von Herrschaft und Unterdrückung, für Befreiung von Macht.

Für Salman Rushdie ist das tragischste Thema der Literatur zehn Jahre lang mit aller Macht zum Leitmotiv seines Lebens gewesen: der Tod.Nach einer gewissen Einübungsphase, in der ihm der Tod hinter jeder zitternden Jalousie und in jedem heranpreschenden Auto zuzugrinsen schien, hat er das Leben als Phantom durchaus mit der ihm eigenen Ironie begreifen und seinerseits grinsend überwinden können.

Der fabulierende Realist, der mittlerweile ohne Vorbehalte die Befreiung von der Macht der Ayatollahs zu spüren glaubt, hat sich in parodistischer Manier selbst enttarnt: "Was ist blond, hat große Titten und lebt in Tasmanien? Salman Rushdie natürlich".

Da britische Ordnungswächter in den vergangenen zehn Jahren über zwei Dutzend Iraner geschnappt und aus dem Land geworfen haben, kommt diese parodistische Selbstbefreiung einem lauten Aufatmen gleich.Die Herren waren alle vergebens dem Aufruf des Theokraten in Teheran mit dem Dolch im Gewande gefolgt.

Das politische Edikt, das allein die religiöse Fatwa zurückweisen kann, lautet: Es sind nicht die politischen Schafe, die Rushdie seinen Traum von der Freiheit erfüllen können, sein Leben endlich an einem einzigen Ort zu verbringen.

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