Kultur : Das heilige Salz

Pakistanis in England: Nadeem Aslams Roman „Atlas für verschollene Liebende“

Tobias Schwartz

Jugnu liebt Chanda, Chanda liebt Jugnu, aber ihre Familien wollen diese Liebe nicht. Es ist eine Romeo-und-Julia-Geschichte, die Nadeem Aslam in seinem Roman „Atlas für verschollene Liebende“ erzählt, nur dass sie in einer islamischen Welt in Nordengland angesiedelt ist. Chanda und Jugnu sind britische Muslime pakistanischer Herkunft. Sie leben unverheiratet zusammen – und somit nach strengen islamischen Auffassungen in Schande. Die Ehre der Familien ist befleckt. Dafür sollen sie sterben.

Der Muslim Nadeem Aslam hat einen Roman über ein hochbrisantes Thema geschrieben: den Zusammenprall zweier Kulturen und die Folgen mangelnder Integration von Migranten. Bei aller politischen Aktualität handelt es sich aber vor allem um einen klassischen Roman über die Liebe. Die Handlung setzt Monate nach dem Verschwinden des geächteten Paares ein, dessen Geschichte über weite Strecken im Rückblick erzählt wird. Die Sorge um das verschwundene Paar bestimmt die Gedanken der Umwelt. Da ist Shamas, der Bruder des Schmetterlingsfängers Jugnu, ein dem Islam gegenüber kritisch eingestellter Mittsechziger. Da ist seine naive und strenggläubige Frau Kaukab, ihre gemeinsamen Kinder, die durch Scheidung und eine Liaison mit einer Engländerin gegen ihre Eltern rebellieren. Und da ist Shamas’ Geliebte, die ihn lediglich ausnutzen will.

Auch seit Jahren in Europa lebende Muslime haben sich oft nur notdürftig mit der europäischen Kultur arrangiert. Ein Beispiel hierfür ist Kaukab, die sich nicht zu schade ist, ihrem pubertierenden Sohn Chemikalien, die sie von einem muslimischen Geistlichen bekommen hat, ins Essen zu schütten, um seine Libido abzuschwächen: „Ich habe Allah gebeten, mir durch diesen heiligen Mann zu helfen. Und es hat funktioniert, dank seines Segens. Nachdem ich das heilige Salz in dein Essen tat, wurdest du freundlich und liebevoll und hast den Älteren Respekt gezollt, wie es sich gehört.“

Der 1966 in Pakistan geborene und heute in der Nähe von Huddersfield im Norden Englands lebende Autor vermittelt Alltag und Abgründe einer fremden Welt. Aslam, der über zehn Jahre an seinem Roman gearbeitet hat, eröffnet einen Einblick in die pakistanische Parallelgesellschaft, etwa durch die Beschreibung des blutigen Wachtelkampfs oder einer Schamrasur der Tochter durch die Mutter. Vor allem die Gerüche der Küche schildert er sehr sinnlich und spart dabei auch nicht mit Rezepten wie „Hühnerbrüste in Joghurt – vermischt mit australischem Wildblütenhonig, dem Saft von zwei Zitronen, pürierter Zwiebel, geriebenem Ingwer und Knoblauch“. Ein Augenzwinkern zwischen den Zeilen ist fast allgegenwärtig: „Es war das vierte Mal in ihrem Leben, dass sie (Kaukab) mit einem Weißen sprach, und sie fragte sich, ob sie nicht hier und da das Wort ,fuck‘ einbauen sollte – das ihre Englisch sprechenden Kinder, was immer es bedeutete, mit großer Selbstverständlichkeit benutzten.“

„Atlas für verschollene Liebende“ ist ein richtiger Schmöker, sein Tempo wechselt von schnellen, spannungsgeladenen, fast krimiartigen Episoden zu breit erzählten, mitunter schwülstig anmutenden Beschreibungen. „Er wird sie nie wieder küssen, während sein Penis erigiert und an der Spitze feucht wie das Maul eines Bullen ist.“ Oder: „Die Wachteln, die in geheimen, von Pakistanis und Indern organisierten Kämpfen verletzt wurden, werden regelmäßig zu Poorab-ji gebracht...; das Gelbwurzpulver auf ihren Wunden lässt sie aussehen, als wären sie zwischen Madonnen- und Kelchlilien hindurchgelaufen und der staubfeine mangofarbene Pollen wäre an ihren Federn hängen geblieben.“

Aslam zeichnet auch ein ebenso detailliertes wie differenziertes Bild der Pakistanis in England. Die einen öffnen sich, die anderen schotten sich ab. Was die religiösen Konflikte betrifft, ist er alles andere als ein Schwarzweißmaler. Shamas etwa, in seiner liberalen Haltung ein Sympathieträger, betrügt seine Frau. Sie, die sich religiös motiviert zu menschenverachtenden Äußerungen und Handlungen hinreißen lässt, ist im Grunde ein herzensguter Mensch. Bei allem Verständnis auch für extreme Positionen seiner Figuren drückt Aslam klar seine Abneigung gegen die Scheinheiligkeit extremer Koranauslegung und religiösen Fanatismus aus. Seine poetische Sozialstudie zeigt: Trotz kultureller Fremdheit sind die Menschen hinter ihrer gesellschaftlichen Fassade so verschieden nicht. „Im Islam heißt es, nur eins müsse vorhanden sein, wolle man sich nicht als des Lebens unwürdig erweisen: Liebe.“

– Nadeem Aslam:

Atlas für verschollene Liebende . Roman.

Aus dem Englischen von Rosetta Stein.

Rowohlt Verlag, Reinbek 2005. 542 Seiten, 22,90 €.

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