Kultur : Das Heilige schauen

Dichtertraum: Bruno Madernas musikalische Hölderlin-Vision „Hyperion“ in Stuttgart

Georg-Albrecht Eckle

„Wieder ein Glück ist erlebt. Die gefährliche Dürre geneset“ – nichts anderes als Hölderlins große Elegie „Stutgard“ beginnt so, und Stuttgart gehört durchaus zu den heiligen Orten dieses Dichters. Hölderlin wiederum gehört zu den heiligen Dichtern Bruno Madernas, jenes 1973 mit Anfang 50 gestorbenen berühmten italienischen Avantgardisten der fünfziger und sechziger Jahre, der heute nahezu in Vergessenheit geraten ist. Es bedeutet ein enormes theatralisches Wagnis, Madernas Hölderlin-Vision „Hyperion“ nun in einer Bühnenfassung zu realisieren.

Maderna war mit seinen Weggefährten Boulez, Berio und Nono als Komponist und Dirigent der vielleicht kühnste Beweger jener Zelle, die damals die Neue Musik ausmachte, und Donaueschingen, Baden-Baden und Darmstadt, wo sich der Venezianer niederließ, um die legendären „Ferienkurse“ zu leiten, wurden zu Signalen des Neuen. Eine Phase des avantgardistischen Bewusstseins verstand sich damals schon als ausdrücklich mediales Denken: Man entfaltete das Elektronische, die technische Reproduzierbarkeit zum kreativen Mittel. In der Kompositionstechnik liess man Ideologien hinter sich, Tonales wirkt neben Freitonalem, Seriellem und – Aleatorischem, das Madernas Geist vielleicht am nächsten kam.

Die Stuttgarter Staatsoper bietet viel auf, um dem zu entsprechen, was Dramaturg Sergio Morabitu als „opera aperta“ qualifiziert und eben nicht die Vertonung jenes gewaltigen Hölderlinschen Briefromans darstellt, eben keine Handlung. Und keinen normalen Text im Sinne eines Librettos. Madernas Anforderungen an den kulinarisch gewohnten Operngänger sind also hoch: Er muss den Prozess der Idee selbst vollziehen. Maderna macht klar, dass man musikalisch denken muss, wenn man Hölderlin gleichsam in die „intellektuale Anschauung“ (Kant) umsetzen will, das heißt: die Idee sinnlich fassbar machen.

Dirigent Enrique Mazzola hat mit Sergio Morabitu eine neue Fassung der „Hyperion“-Musik hergestellt, die über die letzte Partitur-Version von Peter Eötvös hinausgeht und teilweise unveröffentlichtes Archivmaterial integriert. Damit wird Maderna aufrichtig entsprochen, der sich vom Werk als Endgestalt und Endzweck völlig verabschiedet. Die Stuttgarter Hyperion-Suite hat elf Teile, je mit ganz eigener Prägung, instrumental oder durch Textsegmente (frühgriechische Lyrik, Lorca, Auden). Es gibt in dieser Aufführung keine Sänger, die Personen darstellen – von eigentlicher Oper bleibt nur eine Diotima-Arie, die Melanie Walz gekonnt singt, und die in ihrem dramatischen Pathos überzeugend wirkt. Der Dichter selbst wird wortlos präsentiert – wunderbar stimmig und verzehrend in Spiel und Persönlichkeit des Flötisten Mario Caroli als „Flauto poeta-Hyperion“.

Das Staatsorchester fungiert auf der Bühne als legitimer Hauptdarsteller, der Chor (Einstudierung Michael Alber und Johannes Knecht) stellt die Zuhörerschaft eines Serenadenkonzertes um einen Musikpavillon (Bühne Bärbl Hohmann) im Look der fünfziger Jahre (Kostüme Ilse Welter) dar. Ein Platzkonzert wie auf Stuttgarts Schlossplatz nebenan, im Flair kurhafter und mit Gruß an Maderna-Hyperion ein wenig mediterraner in der Aura, gedacht als lächelnde Kritik an einer vergangenen Gesellschaft.

Vielleicht war der Auftrag zu dieser Inszenierung ein Danaergeschenk an Karsten Wiegand, den Regisseur, und seine so ehrenwerte Bemühung um einen adäquaten Hölderlin-Maderna auf der Bühne. Unter Mazzolas Leitung wird auf hohem Niveau unerhörte Musik gemacht an diesem Abend, und Madernas nun schon klassische Moderne zeitigt so faszinierende musikalisch-sinnliche Schönheiten in allen Konstellationen, dass es alle Bilder und theatralische Konkretionen unendlich schwer haben müssen.

Denn auch wenn diese werk- und ideebewusst bestens gemeint sind vom Regisseur, müssen sie fast notwendig ins Flachere abgleiten: Weil sie die Prozessmomente auf eine Szenerie, auf jene mehr oder minder grotesken Serenaden-Situation, fixieren, diese mit großen und kleinen Gags durchführen und schließlich zum Handlungsersatz erheben. Theater als Fessel: Das „positive“ Bühnentreiben und das Klanggeschehen trennen sich, laufen eine Weile nebeneinander her, dann entfliegt die Musik in den Äther wie Pegasos und gelangt in die Herzen der Hörer. Bei so viel missionarischer Bemühung ist dies fast tragisch – übrigens verstärkt durch eine eingeführte männliche Gegenfigur (den Schauspieler Bernd Grawert), die das Gewaltmoment personifizieren soll, von dem der Dichter in seine Verklärung verwiesen wird. Ein geschickt bis ins Burleske inszeniertes Binnendrama, das allerdings kaum etwas sagt und hinter der Musik herhinkt.

Man hofft, dass sich solcher Zerfall nicht als Stuttgarter Stil etablieren möge. Denn dann wäre die Oper als solche überflüssig. Maderna jedenfalls braucht sie nicht mehr, seine Musik bleibt mit Hölderlin offen: „So komm! Dass wir das Offene schauen, / Dass ein Eigenes wir suchen, so weit es auch ist.“

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