Kultur : Das heitere Deutschland

Vor dem letzten Spiel: Offenheit prägte das Münchner Olympiastadion. In der neuen Arena bleiben die Fans unter sich

Helmut Schümann

Es ist nicht überliefert, was der spanische Torero auf der Baustelle des neuen Münchner Fußballstadions zu suchen hatte. Aber die Arena gefiel ihm, so sehr, dass er sich hier einen Stierkampf vorstellen konnte. So dicht, so hermetisch, so archaisch kam ihm die neue Spielstätte des FC Bayern München und des TSV 1860 München vor. Und nun ist sie fertig, in Fröttmaning im nördlichsten Randgebiet Münchens. Am 31. Mai spielt der FC Bayern erstmal in seinem neuen Stadtion, gegen die deutsche Nationalmannschaft. Eine gigantische Arena aus Beton, Stahl, Glas, ummantelt von einer pneumatischen Hülle, dicht hermetisch, archaisch: ein Monument des Fußballs, nur des Fußballs, 66000 Zuschauer finden hier Platz. Es gibt keinen Blick nach draußen, keinen nach oben, selbst in der obersten Reihe unter dem Dach müssen die Zuschauer nicht auf darunter liegende Ränge blicken, es gibt – so steil sind die drei umlaufenden, übereinander geschichteten Tribünen – allein den Blick auf das Grün, auf den Fußball. Der wird hier gespielt, und wie es draußen in der Welt aussieht, interessiert ihn nicht. Eine ganz schön selbstbewusste Ästhetik, gerade so, als hätte sie der stets kraftstrotzende FC Bayern München selbst entworfen, und nicht das Architekturbüro Herzog & de Meuron.

Was sich hier manifestiert, ist nicht weniger als der grandiose Gegenentwurf zum alten Münchner Olympiastadion. Von dem nimmt die sportliche Welt am Sonnabend mit dem letzten Heimspiel der Bayern gegen den 1. FC Nürnberg Abschied. Es wird wohl ein rauschendes und wehmütiges Fest werden. Weil der FC Bayern dann seine 19. Deutsche Meisterschaft feiert – und weil dieses Land sich auch von einem der architektonischen Symbole der alten Bundesrepublik verabschiedet. Denn das war das Olympiastadion: Ein Dementi des Berliner Olympiastadions, dieser durch Nazi-Speers Einfluss zum Colosseum umgewandelte Einschüchterungsbau. Das Münchner Modell wurde ein architektonischer Bote des neuen, luftigen, weltoffenen, demokratischen Deutschland, auch wenn das mit der Demokratie bei der Überdachung nicht ganz geklappt hat und etwa die Hälfte der Zuschauer im Regen stand. Und als an jenem düsteren Septembertag 1972 die brutale Welt in Form des palästinensischen Überfalls auf israelische Sportler auch die überdachten Plätze traf, da sprach Avery Brundage, der damalige Präsident des Internationalen Olympischen Komitees in diesem Stadion die Worte: „The games must go on.“ Nein, hieß das, von diesem Stadion und diesem Land soll Freude ausgehen und Leichtigkeit, komme, was da wolle. Was Architekt Günther Behnisch und sein Konstrukteur Frei Otto für München-Schwabing entworfen hatten, atmete Zeitgeist wie kaum ein anderes Gebäude in Deutschland. Eine Parklandschaft, hügelig, transparent, weitsichtig mit einem funkelndem wie wehendem Dach aus Acrylglas. Nichts verstellt den Blick. Und die damals 77839 Zuschauer wohnen nicht einem Fußballspiel bei oder einem anderen Sportereignis, sie verströmen sich nahezu im Gesamtraum. Nichts und niemand schottet sich ab, grenzt sich aus, der Zuschauer nicht, das Spiel nicht. Und wer günstig stand, konnte bei Föhn auch die Berge sehen. Dass diese Offenheit einer dichten Fußballatmosphäre nicht zuträglich ist, haben die Bayern zwar immer beklagt – gewonnen haben sie meistens dennoch.

Es war eines der bezeichnenden Merkmale des Münchner Olympiastadions, dass es hier drin nie wirklich laut wurde. Vom ehemaligen Spieler Paul Breitner stammte der Satz, dass man ums Stadion einen Theatervorhang hängen müsse, der sich bei Spielbeginn heben sollte. Nicht weil auf dem Rasen besondere Dramen geboten wurden, da war die nüchterne Zweckmäßigkeit des FC Bayern meist vor, sondern weil es so ruhig war im Oval — trotz Geschreis auf den Rängen. Der Lärm verschwand im Äther unter weißblauem Himmel. Den Zweck, den Geschrei im Fußballstadion auch hat, nämlich die eigene Mannschaft anzufeuern und die gegnerische martialisch zu ängstigen, hier im Münchner Olympiastadion erfüllte es ihn nie. Eher waren noch die Anweisungen der Spieler zu hören, als dass von den Rängen aus der Hexenkessel losbrach. Auch das war eine bewusste politische Demonstration der Architektur: Das heitere Deutschland, die moderne Bundesrepublik mit Willy Brandt und mehr Demokratie an der Spitze erschreckt niemand mehr und mag auch nicht mehr martialisch sein. Es war nicht die schlechteste Symbolik, die vom Olympiastadion ausging.

Und was bedeutet es nun, dass wir dergleichen nicht mehr nötig zu haben scheinen? Es ist doch eher ein gutes Zeichen, wenn der Fußball im Zentrum ist und wir es uns leisten können, seine Architektur unbefrachtet zu lassen. Was das neue Stadion weithin sichtbar verkünden wird, ist simpel. Spielen die Blauen, wie die Sechziger in München genannt werden, leuchtet die pneumatische Hülle blau, spielen die Roten der Bayern eben rot. Eine puristische und ebenso präzise Botschaft. Von ferne betrachtet wirkt die Arena wie ein riesiges Luftkissen, eine Hovercraft in den Voralpen. Auch das erlaubt eine schlichte Interpretation: Eine Hovercraft kennt keine Grenzen, der Fußball auch nicht.

Was die wieder martialische Akustik angeht, nun, sie bleibt in der neuen Arena auf engem Raum, ist zeitlich begrenzt auf 90 Minuten plus ein paar vor und ein paar nach dem Spiel. Vor einem solchen Lärm braucht man sich nicht zu fürchten, der bleibt unter Seinesgleichen. Und demokratischer geht es auch zu. In Fröttmaning wird nicht mehr unterschieden zwischen trockenen und nassen Zuschauern, alle sind gleich unter einem Dach. Nur der Stier des spanischen Toreros, der muss draußen bleiben. Der macht eh nur den Rasen kaputt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben