Kultur : Das Herz eines großen Komponisten Henri Dutilleux erhält den Siemens Musikpreis

Mirko Weber

Es sei kein Benzin mehr drin, hat Alfred Grosser dieser Tage auf die Frage geantwortet, warum der deutsch-französische Motor stottere. Das mag stimmen, politisch gesehen. Allerdings fehlt es auch am kulturellen Sprit. Wieso? Man kennt sich und doch nicht genug, wie eine Feierstunde in den Münchner Kammerspielen zeigte, wo Henri Dutilleux den Ernst von Siemens Musikpreis (150000 Euro) überreicht bekam. In Frankreich gibt es keinen Komponisten seiner Generation, der weniger mit Wagner zu tun hätte als er. Zwar liebt auch Dutilleux die Nacht und ihre Irritationen, aber als ferne Welt, der man sich nähert, um über das Hören Klarheit zu gewinnen. Die wäre, unter anderem: dass Dunkelheit und Schatten ihr eigenes Recht aufs Geheimnis beanspruchen. Folgerichtig regiert weniger der Todestrieb als des Philosophen Bergsons Vorstellung vom élan vital. Solche Subtilitäten im Zusammenhang mit Henri Dutilleux (89) ignoriert Dieter Borchmeyer, der Vorsitzende des Stiftungsrates der Ernst von Siemens Musikstiftung und Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, wenn er ihn als Nachfahren von Novalis, Nietzsche, Wagner eingemeindet. Borchmeyer steckt in einer Art deutscher Zwangsjacke, aus der heraus er die Wiederkehr der ewig Gleichen propagiert, dazu noch Goethe, wer sonst?

Wie verbindlich und warmherzig, klug und pointiert das auch geht, zeigt nach der Vorstellung der Kandidaten für den Förderpreis (Michael van der Aa, Philipp Maintz und Sebastian Claren) der französische Musikwissenschaftler Dominique Jameux. Er erinnert an den früheren Preisträger Pierre Boulez, huldigt ihm, während er Dutilleux seine Liebe erklärt. Und getraut sich zu sagen, was Dutilleux’ Kompositionen (gerade mal zwanzig in einem halben Jahrhundert) charakterisiert: Sein Werk sei „offensichtlich und eindeutig“, vor allem jedoch „schön – gleich einem Naturphänomen“. Auch Jameux verknüpft Dutilleux in einem historischen Koordinatennetz. Einerseits nennt er Couperin, Charpentier oder eben Berlioz und Debussy als weitläufige Verwandte, andererseits verweist er auf den „großen Bruder“ Alban Berg. Von dessen „Lyrischer Suite“, sogar „Wozzeck“ lässt sich eine Verbindung spinnen zu Dutilleuxs Streichquartett „Ainsi la Nuit“, das später vom Arditti Quartett fast schon zu routiniert aufgeführt wird. Hier hört man das wahre Drama der Nacht, nämlich: Wie einsam jeder Ton ist, bevor er verschmilzt, aufgeht in Harmonik, nicht: Harmonie. Dutilleux ist nie leicht zu vermitteln gewesen. Umso mutiger die Wahl der Siemens Stiftung. Verlegen lässt Dutilleux sich feiern und erinnert an ein Ereignis vor zwei Jahren in Berlin, als am selben Abend Michael Gielen, Marek Janowski und Simon Rattle seine Stücke dirigierten, darunter „Correspondances“ für Stimmen und Orchester. Man mag das Courtoisie nennen – oder für Freundschaft nehmen, die von Herzen kommt. Das Herz von Henri Dutilleux ist groß.

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