Kultur : Das Herz in meiner Tasche

Ihr Großvater war Rabbi in Russland: Doreet LeVitte Harten entdeckt „100 Jahre israelische Kunst“

Kerstin Decker

Dass Menschen abwechselnd schlafen und wachen, ist auch so ein Vorurteil. Viele schlafen lebenslang, noch mit offenen Augen. Doreet LeVitte Harten nicht. In Gegenwart dieser Frau wacht jeder auf. Dabei schläft sie im Augenblick nicht gut. In der nächsten Woche wird im Martin-Gropius-Bau ihre Ausstellung „Die neuen Hebräer. 100 Jahre Kunst in Israel“ eröffnet. Und nun läuft sie Nacht für Nacht im Bett von Raum zu Raum und räumt um. Und wacht um vier Uhr morgens auf mit der entsetzlichen Gewissheit: Da hängt was falsch!

Vielleicht nicht gerade im „Tränenkrug“, der Rekonstruktion einer längst vergangenen Ausstellung im Bezalel-Museum von Jerusalem, des ersten öffentlichen Gedenkens im „Heiligen Land“ an die russischen Pogrome von 1916. Der Vorteil von Ausstellungen, die es schon einmal gab, ist, dass man sie nicht neu erfinden muss. Aber sonst ... 100 Jahre Kunst in Israel! Gehen wir in mein Büro, sagt Doreet LeVitte Harten und läuft voran durch die Flur-Labyrinthe des Gropius-Baus, den Kopf immer leicht nach hinten gewandt, denn sie erklärt gerade, was ein Künstler ist. Sie braucht dazu genau eine Flurlänge. Es gebe drei Arten, sagt sie, die lebendigen, die toten und die ganz toten. Die ganz Toten hat sie am liebsten, denn die widersprechen nie und sind überhaupt sehr umgänglich. Lebende Künstler sind etwas komplizierter, völlig klar, sonst wären sie ja nicht Künstler geworden, dafür sind sie manchmal recht interessant. Aber dann die toten Künstler, die mit den Witwen, die auf das Werk ihrer Männer aufpassen, entsetzlich.

Doreet LeVitte Harten revolutioniert das Berufsbild des Kurators. Den denkt man sich vor allem gesetzt, bildungsbürgerlich gedämpft. Aber was ist an dieser Frau gedämpft? Sie trägt Existenzialisten-Schwarz und die langen dunklen Haare offen. Sie ist nicht mehr jung, hat aber noch immer etwas Mädchenhaftes. Auf ihrem Schreibtisch liegt ein merkwürdig hellrot eingeschlagens Buch. Das ist ein Herz, erklärt Doreet LeVitte und fügt bedauernd hinzu: Leider ein Schweineherz. Ein Menschenherz wäre ihr lieber gewesen wegen der melodramtischen Wirkung. Melodram ist immer Übertreibung, und das Organ, das eindeutig zur Übertreibung neigt, ist das Herz.

Woher kriegt man als Museumsfrau ein echtes Herz? Doreet LeVitte Harten betrat einen spanischen Fleischerladen und verlangte ein besonders großes Herz mit schönen Ausbuchtungen. Das trug sie dann in einer Tasche zum Fotografen, sie hätte sich nicht gewundert, wenn es zu schlagen begonnen hätte. Herzen übertreiben immer. Nur der Fotograf, dem sie das Herz auf den Tisch legte, sah das etwas anders: Nun übertreibt sie aber! So ist sie. Sie mag Themen mit unscharfen Rändern. Jetzt „Die neuen Hebräer“. Wer sind denn die?

Wahrscheinlich sind es solche wie sie. Nichtgedämpfte Nicht-Bildungsbürger. Ihre deutschen Bekannten, sagt Doreet LeVitte Harten, würden am liebsten ihre alten Juden zurückhaben. Also diesen kulturtragenden Typus älteren Temperaments. Die Rosenzweigs und Bubers. Aber die kommen nicht wieder, weiß Doreet LeVitte Harten. „Die gibt es doch gar nicht mehr, dafür kriegen sie jetzt uns, die neuen Hebräer.“ Eigentlich kein schlechtes Geschäft, findet sie.

Ihr Großvater war Rabbi in Russland und las am liebsten Immanuel Kant, weshalb er erst einmal Deutsch lernte und dann nicht nur Kantianer, sondern auch noch Steinerianer wurde, also Anthroposoph. Nun waren die russischen Juden der Meinung, dass ein russischer Rabbi nicht Deutsch können muss und überhaupt ganz andere Leidenschaften haben sollte. Also wanderte der Großvater ins Heilige Land aus und baute sich ein anthroposophisches Steiner-Haus ganz ohne Ecken. Doreet LeVittes zweiter Großvater kam auch aus Russland, zur Zeit der Oktoberrevolution. Er war ziemlich wohlhabend und hatte die begründete Furcht, dass Lenin das nicht gefallen würde. Dafür gab es später in Doreet LeVittes Familie selbst eine starke leninistische Fraktion. Auch ihre Mutter wollte mithelfen, den neuen sozialistischen, jüdischen Menschen zu schaffen. Bankiers zu Landarbeitern! Doreet war dieser neue Mensch, der neue Hebräer, dann schon etwas gleichgültig, sie studierte lieber Kunst.

Nun ist es sehr schwer, in Israel Kunst zu studieren, weil es dort so heiß ist. Den ganzen Tag in abgedunkelten Räumen Kunst-Dias gucken bei der Wärme – „Ich habe nur geschlafen.“ Um noch vor Studienende wieder aufzuwachen, ging sie nach Florenz, dort stand die ganze Kunst immerhin draußen. Meine Abschlussarbeit schreibe ich bei der Religionswissenschaft, beschloss Doreet LeVitte Harten und sah sich plötzlich einer fatalen Hürde gegenüber. Sie sollte dafür Deutsch lernen. Niemals!, rief sie. Die Einstellung ihrer Familie zum Deutschen hat sich seit Großvaters Kant-Lektüre doch sehr gewandelt.

Also schrieb sie über afrikanische Masken und afrikanische Geheimgesellschaften, ein Thema, dass vor allem den Vorzug vollständiger Deutsch-Ferne besaß. Und so, dachte Doreet LeVitte, soll das auch bleiben. Später, zur Journalistin geworden, weigerte sich LeVitte deshalb strikt, ein Interview mit einem deutschen Kunstmenschen zu führen. Okay, sagte da der Chefredakteur, dann bist du gefeuert. Doreet LeVitte besah finster den Chefredakteur und ging, Chefredakteursmord im Herzen, zum Interview mit dem Deutschen. Acht Tage darauf war sie in Düsseldorf, verheiratet mit dem Kunstmenschen. Wie melodramatisch! Doreet LeVitte Harten lacht, sie weiß, es klingt wie ein Putzfrauenroman. Aber gibt es etwas Schöneres als Putzfrauenromane?

Wo willst du hin? Wen willst du heiraten?, fragte fassungslos ihre Familie. Und ihre Jobs als Ausstellungsmacherin, bei der Zeitung und an der Universität? – Weg, vorbei, sagt Doreet LeVitte Harten und sieht aus, als würde sie alles sofort noch einmal machen. „Der Mann war es wert.“ Dogmatiker, lernen wir, sind diese neuen Hebräer jedenfalls nicht.

Das Telefon klingelt. Man kommt unten in der Ausstellung nicht weiter ohne sie.

Aber was ist nun übrig von den neuen Hebräern? Nicht viel, sagt sie und lacht. Es ist kein Bedauern darin. Es klingt, als sei das genug.

„Die neuen Hebräer“, vom 20. Mai bis 5. September im Martin-Gropius-Bau

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