Kultur : Das himmlische Leben

KLASSIK

Christine Lemke-Matwey

Bernard Haitink ist kein Mann der großen Gesten – und der großen Worte erst recht nicht. Man kann ihm die ausschweifendsten Fragen stellen, zur Musik oder zu seinem langen Dirigentenleben; er wird freundlich und sehr konzentriert zuhören und mindestens so konzentriert und freundlich mal „Ja“ sagen und mal „Nein“. Sehr viel mehr aber spricht er nicht. Haitink ist der große Stille der Branche, einer, der seine Karriere zwar stetig und durchaus unbeugsam, aber niemals lärmend vorangetrieben hat: vom Amsterdamer Concertgebouw Orchestra bis hin zur Dresdner Staatskapelle, die er seit Herbst 2002 als Chef betreut. Bei den Berliner Philharmonikern ist der Holländer seit 1964 (!) regelmäßig und, wie es heißt, gern zu Gast. Da weiß man, was man aneinander hat. Und schätzt sich.

Entsprechend knapp fiel am Donnerstagabend in der Philharmonie die Begrüßung aus. Ein eiliger Händedruck mit Konzertmeister Guy Braunstein, ein letztes Atemholen vor dem glänzenden Orchesterrund – und schon hätte man, von den lästigen Alibi-Hustern abgesehen, die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören können: Weberns „Sommerwind“-Idyll erhob sich, als tönende Naturphilosophie, als Gespinst aus zart aquarellierten Urlauten, die programmatisch doch viel mehr sein (respektive: werden) wollen als eben dieses und sich nach allerlei Pantheistischem schließlich entseelt verströmen – ins All, zurück ins Nichts. Haitink begreift diese frühe Webern-Partitur als impressionistische Lichtstudie, ließ die Streicher an der Grenze der Unhörbarkeit balancieren und blieb selbst im pompösesten Tutti noch zart und ungemein durchsichtig.

Überhaupt: Wie fabelhaft waren die Philharmoniker an diesem Abend disponiert! Mit leuchtenden Mienen und immer wieder selig staunend vor dem, was Haitink ihnen an Zauber und an Klarheit entlockte. Haitink – und das mag sein Geheimnis sein – besitzt die Gabe, zu fordern, ohne zu fordern. Seine natürliche Autorität aber gibt zu verstehen: Wer sich der Musik nicht mit der gleichen Hingabe, dem gleichen hohen Ernst verschreibt wie er, der disqualifiziert sich – zuallererst vor sich selbst.

Diese Noblesse kam auch dem Solisten zu Gute. Matthias Goerne durfte sich mit Mahlers „Wunderhorn“-Liedern buchstäblich wie auf Händen getragen fühlen, eingebettet in einen geradezu seismografisch reagierenden Klangkörper. Goernes Bariton allerdings braucht solches Behütetsein auch: So schmeichelweich sein Timbre, so nuanciert Ausdruck und Deklamation, so gerne gründelt die Stimme doch im Gutturalen – als sänge sie nach innen, ja als sei sie ein Stück weit eingewachsen in die sich beim Vortrag emphatisch hin und her wiegende Sängergestalt. Entsprechend lagen Goerne die „feierlichen“ Lieder („Wo die schönen Trompeten blasen“, „Das irdische Leben“) weit besser als der Kriegslärm, als all das hämische Tralali des Mahlerschen Soldatentreibens („Revelge“, „Der Tamboursg’sell“). Schönste, innigste Momente zweifellos im „Irdischen Leben“ – ein Himmelsfenster.

Nach der Pause dann spannte Bernard Haitink Brahms’ vierte Symphonie auf einen atemberaubenden Bogen. Immer wieder schleuste er Phasen forschenden Schürfens und lächelnden Innehaltens in die klassizistische Werktektonik ein, konterte so die vermeintlich wasserdichte, reglose Form. So ereignete sich, woran lange keiner mehr geglaubt hatte: Dass Brahms in seiner Schwerblütigkeit, seiner tönenden Stille auch ein fröhliches, ein leichtes Gemüt besessen haben muss.

Noch einmal heute, 20 Uhr.

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