Kultur : Das Hirn ist ein Fahrradschlauch

Schreiben kann man lernen: Wie das Literarische Colloquium Nachwuchsautoren fördert und erzieht

Kaspar Renner

Eine neue Generation von Literaten, das ist immer eine „Abrechnung mit den Vätern“, sagt Martin Becker. In den Texten des Jungschriftstellers geht es oft um Fragen der Herkunft. Etwa in der Erzählung „Pastorale“: Eine Familie lebt auf dem Bauernhof, der Vater ist einarmig, da in den Mähdrescher geraten, die Mutter hirnkrank. Man stelle sich ihr Gehirn, erklärt ein Arzt, wie einen Fahrradschlauch vor, den man aufbläst, bis er platzt. Da Fahrradschläuche dem Sohn unbekannt sind, sagt der Arzt schließlich: Das Hirn der Mutter sei „kaputt“. Fälschlicherweise glaubt der Sohn dann, seine Mutter sei gestorben, schickt ein Beileidstelegramm, verwechselt aber die Felder „Absender“ und „Empfänger“, so dass es ihm selbst zugestellt wird. Der Irrtum bleibt unentdeckt.

Wenn der 23-jährige Martin Becker heute auf der Leipziger Buchmesse auftritt, um einen seiner grotesken Generationenkonflikte vorzutragen, rundet sich eine Erfolgsgeschichte. Denn der Autor hat seine Texte letztes Jahr in der Prosa- Werkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin gemeinsam mit neun anderen Stipendiaten regelrecht erarbeitet, in jenem Haus am Wannsee, das Carl Zuckmayer einmal als „imitierte Ritterburg“ bezeichnete. Ob man das Schreiben lernen kann? Beckers Protagonist in „Pastorale“ jedenfalls lernt es nie und korrumpiert seine Mitschüler mit Schinken, um abschreiben zu dürfen. Vielleicht heißt er deshalb nur „der Mann“: keine Identität ohne eigene Schrift. Becker glaubt dennoch, sich „professionalisieren“ zu können. Nicht im Sinne von „Deutsch für Profis“: Adjektive weg, starke Verben her – damit käme man nur auf Sätze wie: „Ein Ochse ging spazieren,“ sagt er.

Aber ein Text, der von den Seminarleitern Katja Lange-Müller, Terézia Mora, und Dieter Stolz immer wieder durchgepflügt wird, entwickelt sich. „Auch wenn es eine Qual ist.“ Seinen ersten Text schrieb Becker in der zehnten Klasse und gab vor, ihn im Internet gefunden zu haben „unter der Rubrik Kafka“. Niemand glaubte ihm. Trotzdem: Von Kafka kam er nicht wieder los. Er schätzt ihn vor allem als grandiosen Komiker, ähnlich wie Chaplin. Allein sein Figurenarsenal: ungewaschene Frauen, bärtige Herren, klumpfüßige Alte. Kürzlich erst begab sich Becker, wohnhaft in Moabit („morbid“), nach Prag, auf der Suche nach Kafkas Hure, die ein Germanist dort ausfindig gemacht haben soll. „Sie muss mittlerweile ziemlich alt sein“, lacht Becker. Gefunden hat er sie nicht.

Wie Kafkas Geschichten ein ganzes Bestiarium – vom Affen Rotpeter bis hin zur singenden Maus – entfalten, so tauchen auch bei Becker immer wieder Tiere auf. Da sie sprachlos sind, kann man mit ihnen noch „von vorne anfangen“. Tiersein ist für Becker eine Art existentialer Fluchtlinie. Oft kommen in seinen Texten Hunde vor, allerdings keine einzige Katze. „Es gibt Katzen- und Hundemenschen“, erklärt Becker und bekennt sich zu letzterer Spezies: „Wenn ich dreißig Jahre mit jemandem zusammenleben müsste, dann lieber mit einem Hund als mit einem Menschen.“ Vorzugsweise mit einem kleinen Terrier, Fox oder Jack-Russel. Seine Freundin sei kein Hund, fügt er hinzu, sondern eine Ausnahme.

Emma Braslavsky hat sich anders entschieden: Sie lebt mit einem Kater. Vor den Fabeltieren, die Beckers Geschichten bevölkern, graut es ihr. Da die 35-jährige Stipendiatin Ruhe beim Schreiben braucht, wäre es störend, wenn ihr Kater zu sprechen anfinge. Er, Moses, besitze allerdings sehr hündische Eigenschaften – er apportiert und setzt sich, wenn man mit ihm spricht. Und außerdem habe sie herausgefunden, dass die Gesellschaft deutscher Katzenfreunde dieselbe Abkürzung hat wie die Gesellschaft deutscher Kynologen, also der Hundeforscher: „GdK“.

Auch in ihrem Romanprojekt „Aus dem Sinn“ hängt die Frage der Identität von einzelnen Buchstaben ab. Dem „E“ und dem „Ä“: Protagonist ist ein Mathematiker, der unter der explodierten Erfurter Domuhr aufgefunden wird, mit schwarzen Flecken an den Füßen und Kaffeegeruch im Haar. Er hat sein Gedächtnis verloren. Im Irrenhaus wird ihm eine neue Sprache anerzogen. Die Psychiater schlagen ihm seine E-Färbung der Vokale heraus und trichtern ihm ein „thüringisches Ä“ ein. Heimat ist immer auch eine Sprachheimat, die eigentliche Vertreibung, suggeriert Braslavsky, findet mit der sprachlichen Neukonditionierung statt. Dem Egerländischen, das im westlichen Sudetenland gesprochen wurde, geht die Figur restlos verloren. So wendet Emma Braslavsky die Sudetenvertreibung virtuos ins Phonologische.

„Dir werden zwölf Spiegel vorgehalten und du kannst dir aussuchen, in welchen du schauen willst“, so beschreibt sie das Colloquium. Selbstbespiegelung, das trifft auf ihren Text zu: Vorbild für die Hauptfigur ihres Romans war ihr Vater. Ein Mathematiker und Physiker, der mit 30 Jahren, noch vor Braslavskys Geburt, einen Hirnschlag erlitt und sein Gedächtnis verlor. Zur gleichen Zeit wurde er „Gehirnwäschen“, wie er es nannte, unterzogen. Sein Tod war Anlass für Braslavsky, mit ihrem Roman zu beginnen. Ihr Vater hatte sich einst eine Lebensgeschichte neu erfinden müssen, nun rekonstruiert sie seine „Erfindung“ – und erfindet sie noch einmal. „Das Visionäre in der Vergangenheit“, so bezeichnet Braslavsky diese Dialektik. Gerade weil „ihr Stoff“ biografische Züge trägt, wollte sie eine Distanz zum Text entwickeln. Am Ende sollte die Gewissheit stehen, „jede Figur um die Ecke bringen“ zu können. In der Gruppe lässt sich dieser Prozess eher vollziehen als alleine. Ein „grotesker Zufall“, lacht Braslavsky, dass es am Literarischen Colloquium ausgerechnet 13 Teilnehmer waren – ihr Vater ebenso wie die Romanfigur sind fanatische Anhänger von Primzahlen.

Als Stipendiatin konnte Braslavsky einen Referenten einladen: Reinhard Jirgl, der mit „Die Unvollendeten“ einen Roman über die Sudeten geschrieben hat. Bei ihm lernte sie nicht nur die Arbeit am Text, sondern auch am Paratext. Einen Klappentext mit „Sommer 1946, Sudetenland“ zu beginnen, wäre nicht sehr geschickt, sagt sie. Wie die meisten Stipendiaten hat sie noch keinen Verleger, das LCB ist ihre „Agentur“. Im literarischen Feld strategisch zu denken, hat auch Martin Becker, ebenfalls noch ohne Buch-Vertrag, gelernt. Da Kafka zeitlos ist, wird er sich in Leipzig aber auch vergnügen können. Unter anderem möchte er sich mit der „Realvorlage zu einer seiner Figuren“ (so nennt er Menschen) treffen. Sie heißt Frau Sauf. Man kann sich denken, was er mit ihr machen wird.

Textauszüge aller LCB-Autoren erscheinen heute in der Zeitschrift „Sprache im technischen Zeitalter“ (www.spritz.de)

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