Kultur : Das i unterm Tüpfelchen

SUSANNA NIEDER

Mode - das ist Glamour und Luxus, Chi-chi und Bussi-Bussi, Sekt von früh bis spät und wilde Parties im gleißenden Scheinwerferlicht.Dieses Bild kommt nicht von ungefähr.Nicht anders als die Filmbranche lebt das Modegeschäft schließlich davon, Träume von einer Glitzerwelt zu erzeugen und zu nähren.Wie es hinter den Kulissen wirklich zugeht, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Die Orte, wo die tatsächliche Arbeit an der Mode und ihrem Image stattfindet, sind unter Umständen alles andere als glamourös.Eine Adresse, die nicht nur für die Berliner, sondern für die deutsche Modebranche überhaupt Bedeutung erlangen könnte, befindet sich im hintersten Winkel von Kreuzberg.Wenn man vom Schlesischen Tor an Dönerbuden und schmuddeligen Häuserfassaden vorbei in Richtung Treptow geht, kommt man zu den ehemaligen Fabrikhöfen, wo das Pariser Pressebüro Girault-Totem in diesem Frühjahr eine Dependance eröffnet hat.

In einer 600 Quadratmeter großen, hellen Fabriketage hängen die Kollektionen von Raf Simons und Jeremy Scott, von Veronique Branquinho, Dexter Wong und Olivier Theyskens, von Jean Charles de Castelbajac, W & LT, Joop Jeans und Kenzo.Insgesamt 25 etablierte und noch unbekannte Designer vertritt das Büro in Deutschland, darunter auch die Berliner John de Maya, Ralf Handschuch und die Thatchers.

Girault-Totem hat sich in den letzten Jahren beharrlich ins Bewußtsein der internationalen Modeszene vorgearbeitet, denn die Namen, die auf Pariser Laufstegen als vielversprechende Newcomer gelten, werden fast auschließlich von dem 1992 gegründeten Büro vertreten.Das erklärte Ziel von dessen Betreibern Patrick Girault, zuständig für die geschäftlichen Interessen, und dem kreativen Kopf Kuki de Salvertes sind ein Aufbau und eine Platzierung am Markt, die auch noch tragen, wenn sich die erste Aufregung gelegt hat.

Die Belegschaft von Girault-Totem Berlin ist überraschend jung und unprätentiös."Was wir hier machen, ist ein ganz normaler, knochenharter, seriöser Job", sagt Götz Offergeld.25 Jahre zählt der Geschäftsführer des Berliner Büros, ein Alter, in dem viele sich die Nächte um die Ohren hauen und überlegen, ob sie sich morgens in die Uni schleppen oder weiterschlafen sollen.

Er wirkt wie einer, der seine Zeit nicht mit arroganten Attitüden vertrödeln, sondern etwas auf die Beine stellen will.Daß er so jung eine solche Stelle bekleidet, hängt vermutlich nicht nur mit Glück, Sachkenntnis und Tatendrang zusammen, sondern auch mit einem feinen Gespür für die Effizienz von Hierarchien.Wenn die Aufgaben klar verteilt sind, arbeitet es sich umso reibungsloser.Das Berliner Büro leitet er, aber der Motor hinter Girault-Totem heißt Kuki de Salvertes - da sollte kein Mißverständins aufkommen.

Im Modegeschäft landete Offergeld, als er mit 19 als Model erst in Mailand und dann in Paris auf den Laufsteg geschickt wurde.Vier Jahre blieb er dabei, dann begann er, seine Kontakte zu nutzen, indem er Werbeproduktionen und Modeeditorials für internationale Zeitschriften wie The Face, i-D, Vogue oder Elle organisierte, als Stylist und Berater von MTV Central tätig war.Die Idee, daß Berlin für Girault-Totem ein interessanter Standort wäre, stammt von dem gebürtigen Aachener und seiner Kollegin Silke Holzbog, die ihrerseits Erfahrungen als Casting Director im Filmgeschäft mitbrachte.

Girault und de Salvertes ließen sich offenbar nicht lange bitten."Deutschland ist neben Asien und Amerika der größte Modemarkt der Welt", erklärt Offergeld.Auf der einen Seite tut sich hierzulande - im Gegensatz zum Beispiel zu England, wo sich alles auf London konzentriert - in vielen Städten etwas.Auf der anderen Seite haben die Macher von Girault-Totem keinen Zweifel, daß sich in Berlin einiges an Potential im Medien-, Mode- und Filmbereich zusammenziehen wird.Auch an Talent und Kreativität sehen sie keinen Mangel, wohl aber bei der Infrastruktur und im Denken.

"Hier gilt es oft noch als revolutionär, sich gegen Businessmechanismen zu wehren." Sowas ist für Offergeld Schnee von gestern.Er ist einer, der auf Professionalität setzt.Dazu gehören harte Arbeit, gute Manieren und die Fähigkeit zu delegieren."In der Modebranche liegen 60 Prozent des Erfolgs in der Pressearbeit.Ich behaupte, daß wir die für jeden, der nicht zu den ganz Großen zählt wie Jil Sander, besser machen können als er selbst."

Den Service, den Girault-Totem in Berlin anbietet, gab es so in Deutschland jedenfalls bisher noch nicht.Die Kollektionen der vom Büro vertretenen Designer sind in sogenannten show books einzusehen und können für Fotoproduktionen ausgeliehen werden.Das Büro kann aber auch Fotografen besorgen, besitzt ein Casting-, Styling- und Make-up Department, eine Eventagentur und ein Sales Department, das sich um den Kontakt zum Einzelhandel kümmert.

Und natürlich geht es darum, wie in Belgien und den Niederlanden neue Talente direkt von der Modeschule weg ausfindig zu machen, wie Girault-Totem das schon seit einiger Zeit in Belgien und jetzt auch in den Niederlanden tut."Wir wollen nicht den neuen Lagerfeld finden, sondern ein Umfeld schaffen, in dem sich Mode entwickeln kann", sagt Offergeld.Dazu müßten alle Beteiligten selbstbewußt genug sein, um zusammenzuarbeiten ohne die ständige Angst, jemand könnte ihnen die Butter vom Brot klauen.Zusammenarbeit führt aller Erfahrung nach weiter als der Versuch, sich um alles selbst zu kümmern.Denn: "Talent allein genügt nicht."

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