Kultur : Das ideale Preußen

BERNHARD SCHULZ

Es ist ein Kennzeichen vieler kalendarischer Jubiläen, daß das Gewicht der Ehrung mit der Präsenz des Geehrten im öffentlichen Bewußtsein nicht übereinstimmt.Knobelsdorff bietet ein Beispiel.Der 300.Geburtstag des Baumeisters Friedrichs des Großen, der auf den gestrigen Tag fiel, berührt das aktuelle Berlin wenig; um von Potsdam gar nicht zu reden.Was Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff, der spätberufene und frühverstorbene Architekt und im umfassenden Sinne musische Ratgeber des Königs, erdacht und erschaffen hat, ist weniger zerstört worden denn versunken.

Nun also gilt es, Knobelsdorff zu feiern.Dem sonntäglichen Festakt am angemessenen Ort, in der von ihm erbauten Staatsoper, folgt von heute an eine Ausstellung in Schloß Charlottenburg, und dort naturgemäß in dem von ihm angefügten und heute nach ihm bezeichneten Knobelsdorff-Flügel."Zum Maler und zum großen Architekten geboren" ist sie überschrieben und nimmt das große Wort des königlichen Gönners und, so weit dies möglich war, Freundes auf.Schon springt die Diskrepanz ins Auge.Denn die Ausstellung ist kammerspielartig, sie füllt gerade den Weißen Saal, den der Besucher sonst eher nur flüchtig auf dem Weg in die angrenzende Goldene Galerie durchquert.Nicht, daß es um die Verwechslung von Masse und Klasse ginge; aber der überschaubare Umfang der Zeichnungen und Stiche und der in dem abgedunkelten Raum doch recht unglücklich präsentierten Gemälde läßt erkennen, wie gleichermaßen überschaubar das Erbe überhaupt ist.

Und mit Friedrichs großem und noblen Wort im Sinn, das der König in seiner Gedächtnisrede auf den 1753 verstorbenen Baumeister gebrauchte, fällt der Blick kritisch abwägend auf die gezeigten Arbeiten.Die Anmut, die aus den Landschaftsveduten spricht, in denen Knobelsdorff ein preußisches Arkadien imaginierte, beginnt sich vor der Mühe zu verschatten, derer es bedurfte, aus den sandigen Hügeln tatsächlich jenen Kulturbezirk zu formen, dessen elegisches Bild sich lange nach der Auslöschung des preußischen Staates versöhnlich vor Macht und Militär geschoben hat.

Da mögen die Ausstellungsmacher natürlich widersprechen und müssen es auch, geht es ihnen doch um die wissenschaftlich nüchterne Kenntlichmachung eines Lebenswerkes, um das Herzeigen des Bestandes und den Aufweis vorhandener Spuren.Der Betrachter hingegen beginnt die exakten Skizzen Knobelsdorffs mit dessen weichen malerischen Ansichten in eins zu setzen und vor dem inneren Auge mit der Vorstellung eines einstigen friderizianischen Musenreiches zu verschmelzen.Was an Knobelsdorff ist Realität, was Rückprojektion?

Die acht Kapitel der Ausstellung machen den - aus heutiger Sicht so erstaunlichen - Weg vom verhinderten zum befreiten Künstler und von dort, durch die mirakulöse Beziehung zum Kronprinzen Friedrich, zum Baumeister und Inspirator des Regenten anschaulich.Eins greift ins andere.Aber den roten Faden bildet die Imagination, über die der Autodidakt Knobelsdorff in reichem Maße verfügte.Was er - beispielhaft in seiner "Ansicht von Sanssouci und Potsdam" von 1750 - darstellt, nähert sich einerseits zwar der vedutenhaften Richtigkeit; aber nur soviel, um den Zauber des Vorscheins glaubhaft zu machen.Denn zum Vorschein kommt nicht das reale Potsdam in einer denn doch prosaischen Landschaft, sondern die Morgenröte einer neuen, einer der irdischen Mühe enthobenen Welt aus Wille und Vorstellung.Ein Weniges nur, und die Vedute wird zum Idealbild.

Daraus wurde dem Liebhaber-Künstler zu Lebzeiten schon ein Vorwurf, wie ihn der Potsdamer Ingenieur-Architekt Manger 1789 rückblickend in die Worte kleidete, Knobelsdorff habe Gebäude "bloß perspectivisch und mahlerisch entworfen".Das bezog Manger nicht auf die Gemälde.Aber selbst die Detailzeichnungen Knobelsdorffs, die uns heute durchaus als das trockene Brot des Entwerfens scheinen wollen, sind von dieser imaginativen Kraft durchdrungen, die Friedrich früh an Knobelsdorff gespürt haben muß und dann durch Heranziehung an praktische Bauaufgaben - zunächst im geliebten Rheinsberg - zu fördern wußte.

Die Zeichnungen aus den Skizzenbüchern - die nur teilweise in der Ausstellung, ausführlich dagegen im Katalog zu sehen sind - geben einen wichtigen Hinweis auf die Einheit der künstlerischen Gattungen bei Knobelsdorff.Das "Mahlerische" wäre ihm kein Vorwurf gewesen, sondern vielmehr die Charakterisierung seiner Leistung.Landschaft und Bauten gehen in eins, und nichts anderes stellen die Gemälde in vorweggenommener Vollendung dar.So entwickelt er den Potsdamer Ruinenberg als Bühnenprospekt für die "höfische" Seite von Schloß Sanssouci, während die Weinbergterrassen der "privaten" Südseite dieses bedeutendsten Bauwerks für Friedrich antworten.

Die Charlottenburger Ausstellung, indem sie dem Maler und Entwerfer gewidmet ist, läßt die "klassizistischen" Aspekte in Knobelsdorffs µuvre etwas zu kurz kommen.Dem havelländischen Idyll steht in Berlin der Ansatz zu einer wahrhaft europäischen Baukunst gegenüber.Weder war Knobelsdorff genügend Lebenszeit vergönnt, noch mochte sich der König dauerhaft für die Pläne engagieren.Das forum fridericianum quer zur Prachtallee Unter den Linden - die hineinführt in den von Knobelsdorff zum Gartenkunstwerk gestalteten Tiergarten - blieb das monumentale Fragment einer ausgreifenden Stadtgestaltung, auf die erst Schinkel kongenial zu antworten wußte.Immerhin entstanden mit der Staatsoper, der auf Knobelsdorffs Entwürfe zurückgehenden Hedwigskathedrale und dem - verändert der Humboldt-Universität dienenden - Palais des Prinzen Heinrich Bauten, die das Bild Berlins geradezu konstituieren.

Demgegenüber liegt der Schwerpunkt der Ausstellung - neben dem anmutigen malerischen Werk - auf den Dekorationsentwürfen Knobelsdorffs, die sich in den aus Kriegszerstörung wiedererstandenen Räumen des Charlottenburger Schlosses wenn schon nicht mit der originalen, so doch nachgeschaffenen Ausführung vergleichen lassen.Das Rokoko der Innenräume ist, bei allem Zauber, vergangene Vergangenheit.Die baulichen Leistungen Knobelsdorffs sind lebendige Vergangenheit oder könnten es doch sein.Wie wenig sie es sind - etwa im Vergleich zu Schinkel, der folgenden Jahrhundertfigur Berliner Baukunst -, macht den Abstand deutlich, aus dem der kalendarische Anlaß nur kurz herausreißt.

Schloß Charlottenburg, Weißer Saal im Neuen Flügel, bis 25.April.Katalog 49 DM.

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