• Das Innenministerium des Landes Nordrhein-Westfalen verlangte 1964 eine Erklärung des damaligen Professors der Düsseldorfer Kunstakademie

Kultur : Das Innenministerium des Landes Nordrhein-Westfalen verlangte 1964 eine Erklärung des damaligen Professors der Düsseldorfer Kunstakademie

Aus: Götz Adriani[Karin T],Winfried Konnertz[Karin T]

Im August 1964 verlangt das Innenministerium des Landes Nordrhein-Westfalen von Joseph Beuys als Professor der Düsseldorfer Kunstakademie eine schriftliche Erklärung dafür, dass er in seinem "Lebenslauf/Werklauf" die "Erhöhung der Berliner Mauer zwecks besserer Proportion um 5 cm" empfiehlt. Beuys schreibt in seiner Stellungnahme für den Innenminister:



Die ist ein Bild und sollte wie ein Bild betrachtet werden. Nur im Notfall oder aus Schulungsgründen greift man zur Interpretation. Es ist mir nicht verständlich, warum Sie nicht ohne Interpretation den offensichtlichen Sinn verstehen.

Erste Fragantwort: "Ist es ein Paradoxon, mit dem die Künstler zu allen Zeiten gearbeitet haben, um eine tieferliegende Schicht anzubohren?"

Zweite Fragantwort: "Ist es eine Chiffre?"

Ich fange ganz real - banal an (Untertreibungsmethode!): Die Betrachtung der Berliner Mauer, aus einem Gesichtswinkel, der allein die Proportion dieses Bauwerkes berücksichtigt, dürfte doch wohl erlaubt sein. Entschärft sofort die Mauer. Durch inneres Lachen. Vernichtet die Mauer. Man bleibt nicht mehr an der physischen Mauer hängen. Es wird auf die geistige Mauer hingelenkt, und diese zu überwinden, darauf kommt es ja wohl an. Zunächst also wird die Mauer durch mich überwunden. Motto: Unter meiner Herzensregierung wäre die Mauer erst garnicht entstanden.

Spontan entstehende Frage: "Welches Wesensglied in mir oder anderen Menschen hat dieses Ding entstehen lassen?"

Quintessenz: Die Mauer als solche ist völlig unwichtig. Reden Sie nicht so viel von der Mauer! Begründen Sie durch Selbsterziehung eine bessere Moral im Menschengeschlecht, und alle Mauern verschwinden. Es gibt ja so viele Mauern zwischen Dir und Mir.

Eine Mauer in sich ist sehr schön, wenn die Proportion stimmt.

Wenn ich nach Berlin komme, zerrt man nach spätestens fünf Minuten an mir herum. "Waren Sie schon an der Mauer?" Ja, ich kenne die Mauer aus innerer Erfahrung. Ich weiß genau, was das ist, diese Mauer. Weiter erkläre ich mich bereit, dieses Mauerproblem noch in meinem Leben zu lösen. Falls man mir Gelegenheit dazu gibt.Aus: Götz Adriani, Winfried Konnertz, Karin Thomas: "Joseph Beuys". Köln 1994 Übersichtsseite zum 10. Jahrestag des Mauerfalls

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben