Kultur : Das Innere des Steins

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Von Jan Schulz-Ojala

In seinen stärksten Passagen – in seiner furiosen, langen Exposition, im äußersten Ende und immer wieder für atemberaubende Momente zwischendurch – ist „Der Felsen“ die perfekte Symbiose von Erinnerung und Traum. Die Bilder schießen wie überbelichtet aus einem dunklen Ungefähr hervor, die kurzen Dialogpartikel stürzen ohne Anlauf ihrem Ziel entgegen, und die physischen und seelischen Bewegungen zwischen Leuten geschehen ohne jede Rechtfertigung – fern von Wut und Not und Mut und Scham. In solchen Augenblicken ist „Der Felsen“ hypnotisch und hyperpräzis, ewig lang her und ewig zugleich. Und auf eine Weise unmittelbar, dass daneben jedwede so genannte Wirklichkeit im Boden der Tatsachen versinken dürfte.

Aber „Der Felsen“ schleppt – und das ist seine Tragik, die ihm im routinierten deutschen Film dieser Jahre erst einmal jemand nachmachen soll – auch felsenschwere Gewichte mit. Aus seiner lichten Exposition formt er mit aller Gewalt eine Geschichte, deren wachsendes Personal so lange hin- und hergeschoben wird, bis alles aufgeht und einiges ablebt (die traumselig gefundene Schluss-Szene ausgenommen). Vor allem illustriert und kommentiert er seine stärksten Elemente – die Lakonie des Gesagten, die wunderbar sprechenden Gesichter – mit einer Doppelstimme aus dem Off, die so eigensinnig gegen die Kraft schlichter und lichter Wahrnehmung anraunt, bis auch der Wohlmeinendste am Ganzen verzweifelt.

So ist „Der Felsen“ zum umstrittensten Film der Berlinale geworden – und Dominik Graf zu ihrem tragischen Helden. Man war von der Wucht dieses Films gefangen und registrierte zugleich die Wucht, mit dem sein Schöpfer ihn zugleich zu zerstören trachtete – viele flohen aus diesem unbehaglichen Zwiespalt in den kalten Spott. Nichts hat Dominik Graf an seinem Film seitdem geändert, noch einmal mutet er uns seinen Brocken ungeglättet zu. Und, siehe da, abseits der Bilder- und Ereignisflut eines Festivals, in der das schnelle Urteil Konjunktur hat, hält er als Bild und Ereignis stand. Die Schattenstellen sind die Schattenstellen geblieben, aber sehr vorsichtig zeigt „Der Felsen“ nun seine funkelnde, edelsteinerne Seite.

Ein Paar in Korsika, nun ja, ein Paar. Er ist ihr verheirateter Chef, seine Frau ist schwanger, jedenfalls sagt er es so seiner Geliebten, der er zum Abschied ein Dabeisein auf einer Dienstreise schenkt. Architektenkongress auf der Ferieninsel: er in Arbeitsklamotten, mit Arbeitsgesicht, aber vielleicht hat er gar kein anderes als dieses Arbeitsgesicht. Sie daneben: ein blonder Engel, ein wachsblondes überirdisch natürliches Himmelskind von Mitte dreißig, eine Frau, die ihren Schmerz lebt und wegsteckt und doch immer wieder in kleinen Gesten zeigt. Ein Hotelzimmer am Meer, ein vorletzter und vorletzter und vorletzter Sex, ein letzter und letzter Streit, alles flüchtig, Erinnerung eben und Traum. Dann ist Jürgen weg, so heißt er. Und Katrin steht am Fenster und guckt einem Heckfenster hinterher. Jürgen und Katrin: eine Allerweltsliebe mit Allerweltsn, und tschüss.

Aber wer sagt denn, dass Jürgen (Ralph Herforth) schnurstracks nach Bastia zur nächstbesten Fähre fährt? Und wer sagt denn, dass Katrin (Karoline Eichhorn) ganz vernünftig die 48 Stunden bis zum Start ihres „Fliegers“ (immer sagt sie es so: „mein Flieger“, als gehörte ihr irgendwas auf dieser Welt) verwartet, spätere Kündigung nicht ausgeschlossen? Und was gilt überhaupt, wenn es Abend wird und man allein ist und der Sommer und der Süden einfach weitermachen mit einem? Wenn man plötzlich abrutscht vom felsenfesten Grund seiner zwei, drei so genannten Sicherheiten, wenn plötzlich nichts mehr da ist außer – und das ist ja das Unverlässlichste – man selbst?

So fällt Katrin in die Nacht. Katrin, die Verlassene, die immer noch zu lieben glaubt, Katrin, die den Abschied am Auto ordentlich hingekriegt hat, dienstlich fast. Katrin, die sich eine Flasche Wein bestellt hat im Straßenrestaurant und hinausgeht in hellem Kleid ins Dunkle. „Sind Sie Schwedin?“, fragen Männer, etwas ältere Männer in Fremdenlegionärsuniform. „Wer bist’n du eigentlich?“, fragt sie einen jungen Typen, von dem sie später erfährt, dass er Malte heißt. Immer gibt es Männer da draußen in der Nacht, die Beute machen wollen, so oder so. Und wenn es einem nun mal wurscht ist, ob man Beute ist oder Treibgut, weil es da draußen sowieso nix zu holen gibt für niemanden, die Liebe am allerwenigsten?

„Der Felsen“ ist Karoline Eichhorn. Eine Schauspielerin, die sich offensichtlich nichts macht aus Schönsein, und die deshalb immer wieder geradezu schmerzhaft schön ist, besonders wenn sie lacht: Es bricht aus ihr heraus wie Weinen, durchsichtig wie Wasser unter ihren fast durchsichtigen Wimpern, durchsichtig wie Luft. Ein schwer gefährdetes und zugleich total unverletzliches Geschöpf ist diese Katrin/Karoline, irgendwie zu leicht für diese Erde.

Schon recht, es gibt auch noch andere gute Leute in diesem Film. Antonio Wannek zum Beispiel, der den Malte spielt – wie sich herausstellt, ein Typ von knapp siebzehn, der in Korsika, einigermaßen bewacht von Sozialpädagogen, statt Jugendknast wieder ein bisschen leben lernen soll, nachdem er seinen Vater totgemacht hat, irgendwann und irgendwarum mit ziemlich vielen Messerstichen. Malte liebt Katrin irgendwie und zieht sie in irgendwas rein, und Katrin lässt sich treiben, da mag Sozialarbeiter Robert alias Peter Lohmeyer noch so sehr dazwischengehen. Und einen kleinen Bruder hat Malte auch noch, Kai (Sebastian Urzendowsky) heißt er und hübsch ist er, und er beißt schon mal fremde Frauen, wenn die nicht schnell mal seine Mutter werden wollen.

Aber Katrin spielt diese harten Kerle alle an die Wand. Nein, sie spielt nicht mal, diese Karoline Eichhorn, jedenfalls scheint es so. Wir sehen sie vorkommen in uns wie eine Erinnerung oder einen Traum, das ist ihr Geheimnis. Und dazu tut sie: eigentlich nichts.

„Der Felsen“ ist mit einer „Ferienkamera“ gedreht, wie Dominik Graf sagt, oder mit einer „consumer-mini-DV“, wie der formidable Kameramann Benedict Neuenfels das nennt. Erst nur aus Geldgründen. Drei Wochen vor Drehstart war der Etat noch immer nicht beisammen, und so blieb das große Equipment eben im Kamerabus, zur Reserve. Es wurde nicht gebraucht. Denn das Team entdeckte die Vorteile dieses Filmens: handlich, direkt, nah, intim, ohne großen menschlichen und technischen Apparat. Und machte die Nachteile, ein bisschen wohl mit Blick auf die Dogma-Filmer, zu Stärken: Schließlich schaden schlechte Auflösung, mäßige Kontraste, tückische Schärfentiefe nur, wenn man in die Wirklichkeitsabbildungsfalle geht. Was aber, wenn man in jemandes Seele reinzoomt? Wenn die Oberfläche sich aufpixelt und die Poren eines Gefühls sichtbar werden, augenblicksweise? Das ist es, was vom „Felsen“ bleiben wird: das Poröse jedweder Oberfläche, und plötzlich sehen wir, abenteuerlich merkwürdiges Bild, ins Innere des Steins.

Nicht bleiben vom „Felsen“ werden die Hinweisschilder. Ein Schilderwald auf Korsika. Immer wieder werden wir vom Sehen abgebracht und zum Lesen gezwungen. Schulfunkmäßiger noch, jemand liest sie uns vor, aus dem Off. „Sie lässt die beiden Brüder nun hinter sich“, tönt eine sanfte Stimme, „und geht einen anderen Weg zurück ins Dorf. Sie fühlt nichts mehr.“ Oder ein anderes Mal: „Und sie erkennt, dass sie nur so lange mit Jürgen zusammen war, weil sie in eine falsche Hoffnung verliebt war, die es so nie gegeben hatte.“ Wie kann jemand, der seine Dialoge meist atemberaubend punktgenau zu setzen weiß, sprachlich und gedanklich so bedeutungsschwanger und grob aus dem Off schwafeln? Wenn wir uns was wünschen dürften: zu Weihnachten die DVD, wahlweise ohne Off-Stimme.

Aber. Siehe ganz oben. Und weit oben, da gehört dieser Film auch hin, eines Tages, wenn er Erinnerung geworden ist. Oder ein Traum.

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