Kultur : Das innere Kino

Neues aus Worpswede: Bremen feiert den Maler Norbert Schwontkowski

Dorothea Zwirner

„Doppelte Energie“ heißt ein kleines Bild des Bremer Malers Norbert Schwontkowski. Es zeigt eine dunkle Kirchturm-Silhouette vor stimmungsvollem Nachthimmel, der von schemenhaften Strommasten durchzogen ist. Weiße Pinseltupfer markieren die Verbindungspunkte zwischen den Stromkabeln- und Masten, um das Nocturne mit schimmernden Glanzlichtern zu erleuchten.

In der Tat scheinen sich seine Gemälde, Zeichnungen und Skizzenbücher, die nun in einer ersten Überblicksausstellung in der Bremer Kunsthalle zu sehen sind, aus einer doppelten Energie zu speisen: einer spirituellen und einer materiellen. Von einer materiellen Sinnen- und Experimentierfreude zeugen die atmosphärischen Malgründe, die in einer dicken Paste aus Pigmenten, Binderfarbe, Leinöl und Metalloxyden mit einem Rakel aufgetragen sind. Aus den pastosen, meist ortlosen Farbräumen entwickeln sich seine spirituellen Erzählräume. Doch Schwontkowskis Bilderfindungen gehen nicht nur aus den unterbewussten oder überwirklichen Schichten des Traumes, der Phantasie oder des Humors hervor. Sie sind auch ikonographischen, semantischen oder allegorischen Bezügen, ostasiatischen Einflüssen und malerischen Traditionen verpflichtet.

In dem großformatigen Bild „Belgische Autobahn“ (2000) verliert sich eine von Straßenlaternen gesäumte Schlangenlinie in einem lachsrosa Lichtstreifen am Horizont. Sowohl die angedeutete Räumlichkeit, als auch die ungewöhnliche Farbpalette dieses Bildes weisen die Straße als allegorische Spur der Sehnsucht aus, die für jeden Maler nur nach Flandern führen kann. Auf dieser Spur tauchen vor dem geistigen Auge die symbolistischen Meeresbilder Leon Spillaerts auf, der den Weg zum belgischen Surrealismus mit René Magritte als wichtigstem Vertreter vorbereitet hat. Diesem verdanken sich die skurrilen Bilderfindungen und die scheinbar unbeholfene Malweise Schwontkowskis. Weiter gelangt man zu den verwaschenen Farben eines Luc Tuymans, der mit seinen aufgeladenen Kleinformaten eine ganze Generation junger Maler geprägt und den aktuellen Malereiboom mitbefördert hat.

Der 55jährige Norbert Schwontkowski lässt sich indes nicht in diesen Trend einordnen. Deutlich geprägt von der naturverbundenen Künstlertradition Worpswedes und der Landschaft um seine Heimatstadt, in der die Werke Schwontkowskis schon seit Jahren gezeigt und gesammelt werden, erscheinen diese unberührt von bildtheoretischen oder markstrategischen Reflexionen über die Malerei nach dem viel beschworenen Ende der Malerei. Zwischen Moderne und Postmoderne sucht sich Schwontkowski eigene Wege. Er kommt dabei aus ohne programmatische Äußerungen; er malt einfach so, als hätte es die Tabus der Moderne nicht gegeben. Der Bremer Literaturwissenschaftler und Schwontkowski- Sammler Peter Bürgers erkennt in seinem Werk den Beginn einer dialektischen Avantgarde, in der sich das Traditionelle und das Neue, Sprödigkeit und Schönheit, das Narrative und das Bildhafte nicht mehr ausschließen. In dem richtigen Spannungsverhältnis dieser Gegensätze, insbesondere in der Zuspitzung und nicht in der Lösung des Figur-Grund Problems liegt das Geheimnis der doppelten Energie – und die Gefahr, wenn bisweilen das Skurrile zur Karikatur, das Romantische zum Kitsch oder das Allegorische zum Klischee tendiert.

Die Ausstellung wäre vermutlich trotzdem ein lokales Ereignis geblieben, hätte nicht kurz zuvor die Berliner Galerie Contemporary Fine Arts Schwontkowski eine Einzelschau auf dem Berliner Art Forum gewidmet. Im Kontext international erfolgreicher Maler wie Peter Doig und Daniel Richter, der seine Galeristen auf den Malerkollegen aufmerksam gemacht hatte, wurden die rund 20 Bilder sofort verkauft. Während Künstler wie Doig, Richter oder Tuymans die Seherfahrungen der Massenmedien in ihrer Malerei verarbeiten, aktiviert Schwontkowski primäre Erinnerungen und Wahrnehmungen, die beim Betrachter ein „inneres Kino“ auszulösen vermögen. „Kino“ heißt deshalb die Ausstellung, für die sich eine Reise nach Bremen lohnt. Bei der Rückfahrt im Zug zieht die Landschaft in der Abenddämmerung wie im Kino vorbei, als hätte sie Norbert Schwontkowski gemalt.

Kunsthalle Bremen, bis 6. Februar; anschließend in Cottbus und Erfurt. Katalog (Salon Verlag) 25 Euro.

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