Kultur : Das Innere liegt niemals falsch

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Von Johannes Völz

"Hey!“, ruft Erykah Badu ins Publikum, „wisst ihr alle, was eine Ziffer ist?“ Eine ziemlich abstruse Frage, mitten in einem Soulkonzert. Das Publikum ist verdutzt, es weiß keine Antwort darauf. Erykah Badu wartet kurz, dann wiederholt sie die Frage, in energischerem Ton. Diesmal klappt es, einige Fans schreien „Yeah". Badu lobt sie mit einem „Alright“, und alle, die es bisher nicht verstanden hatten, wissen jetzt, dass Erykah Badu nicht nur Sängerin ist, sondern vor allem Lehrerin. Deshalb folgt: ein Schnellkurs in altägyptischer Esoterik.

Eine Ziffer könne von einem Kreis repräsentiert werden, erklärt sie, während die Band die letzten Takte in eine Endlosschleife schickt, und ihr persönlicher Kreis sei ein runder Stein, was bedeute: Die Ziffer repräsentiere ihren Körper und der Stein stehe für die Erde, und weil sich beides auf der gleichen Kreisbahn bewege, gäbe es eine direkte Verbindung zwischen ihnen. Was sie damit genau meint, versteht wahrscheinlich keiner im Publikum, auch wenn Erykah Badu immer wieder nachfragt, „Alright?“, und die Fans immer wieder zustimmen, „Alright!".

Man muss auch gar nicht so genau kapieren, was das im Einzelnen soll. Was man dagegen versteht, ist, dass die 30-jährige Sängerin hier, auf diesem Stück ihres Live-Albums von 1997, ankämpft gegen die grassierende Sinnlosigkeit. In der Welt im Allgemeinen und in der schwarzen Musik im Besonderen. Das erklärt den Turban auf ihrem Kopf, die Leinenkleider, die Tierkostüme, ihr Reden vom Einssein mit der Natur. Seit sie 1997 mit ihrem ersten Album „Baduizsm“ durchschlagende Erfolge feierte, drei Millionen Exemplare verkaufte, mit dem Song „On & On“ Platz 12 der amerikanischen Single-Charts belegte, seit der Videoclip, bei dem sie selbst Regie führte, sich wochenlang in der Heavy Rotation von MTV einnistete: seitdem ist Erykah Badu auf einem Kreuzzug gegen alles Oberflächliche und Banale.

Ihr Gegengift ist eine Mischung aus Mythologie, Philosophie, Afrozentrismus und Feminismus. Das beginnt schon bei ihrem n. Als Erica Wright wurde sie 1972 in Dallas geboren, doch Wright wollte sie irgendwann nicht mehr heißen. Erica war ihr auch zu simpel, schließlich steckt da die Silbe „Kah“ drin, was im Altägyptischen so viel bedeutet wie „das Innere, das niemals falsch liegen kann“. Deshalb also: „EryKah". Das Kunstwort „Badu“ schließlich belegt ihre Verwurzelung in der afroamerikanischen Kultur, denn damit bezieht sie sich auf eine typische Silbe des Scat-Gesangs.

Womit wir bei der Musik wären, und die ist, bei all der Inszenierung ihrer Persona, noch immer das Bemerkenswerteste an Erykah Badu. Wie die Retterin der Black Music erschien sie nach „Baduizm“ vielen, und das lag zunächst weniger an ihr als am trostlosen Zustand der schwarzen Pop-Musik: Der kommerzielle Hip Hop hatte sich darauf beschränkt, Gangster-Klischees mit den immer gleichen G-Funk-Sirenen zu reproduzieren, R&B war durch Komponisten wie R. Kelly zum weichgespülten Gesäusel geworden. Das alles: formelhaft, leidenschaftslos.

Erykah Badu dagegen klang von Anfang anders. Weil sie, wohl auch im Zuge ihrer politischen Bewusstwerdung, ein Ohr entwickelt hatte für die gesamte Geschichte afroamerikanischer Musik. Natürlich war das im Grunde Hip Hop, den sie da spielte, aber hörte man da nicht immer wieder die Motown-Tradition in ihren Liedern? Und ihr Gesang, erinnerte der nicht an Billie Holiday?

Machte „Baduizm“ die Hörer staunen, so ist „Mama’s Gun“, das Nachfolgealbum aus dem Jahr 2000, geradezu unfassbar. Badu hat alle Texte selbst geschrieben und die Songs komponiert, und sie löst sich dabei noch radikaler von den bewährten Rezepten. Es scheint Platz zu sein für jedes Element schwarzer Musik, vom Bessie-Smith-Blues der Zwanziger, über Jimi-Hendrix-Rock der Sechziger bis zum Common-Rap der Neunziger, und dabei gelingt es Badu doch, alles zu einem organischen Ganzen zu formen.

Ein wenig korrigieren muss man ihre Rolle als einsame Visionärin aber dennoch. Denn Badu hat erst zu ihrem Stil gefunden, als sie Teil einer musikalischen Szene wurde, die ihr Zentrum in Philadelphia hat. Dort haben seit Anfang der neunziger Jahre Musiker wie die Instrumental-Rapper von „The Roots" und Soulsänger D’Angelo an einem eigenen Stil gefeilt. Ihre sparsamen Hip Hop-Rhythmen suchen den Klang zwischen den Beats, die Falsett-Gesänge greifen den Funk der Blaxplotation-Zeit auf und die Bläsersätze entstammen dem Jazz. Erykah Badu mag die Erste gewesen sein, die mit diesen Stilmitteln vorne in die Charts eindrang, doch um ihre Musik einordnen zu können, muss man diese ständig wachsende Musiker-Clique im Auge behalten, zu der inzwischen der Jazztrompeter Roy Hargrove ebenso gehört wie die Sängerin Jill Scott.

Nur: Badu ist die alleinige Diva unter ihnen. Sie aalt sich in ihren Launen und sie verarbeitet mit Hingabe ihre Rolle als Mutter. 1997 ließ sie für ihr CD-Booklet ihren hochschwangeren Bauch in Großaufnahme fotografieren, drei Jahre später strahlte ihr Sohn von der Cover-Rückseite. Sie hat ihn „Seven“ genannt, weil das eine magische Zahl sei, sie hat ihn zwei Jahre gestillt und danach über ihre Trennung von ihm gesungen. Auf keinen Fall darf man das verwechseln mit der Familien-Soap-Opera Eminems. Es geht Badu um ihren Stolz als Frau, letztlich um Spiritualität, und wer das auf Dauer zu dick aufgetragen findet, der muss zumindest zugestehen: Ihre Tiefe in der Musik könnte Badu ohne diese bedingungslose Ernsthaftigkeit nicht erreichen.

Erykah Badu, 8. Juli 2002 beim Museumsinsel-Festival, Beginn 19 Uhr, Einlass 17.30 Uhr

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