Kultur : "Das Internet wird von unten gebaut, von lustigen Leuten wie uns"

Mr. Adams[die meisten Menschen kennen Sie nur als]

Mr. Adams, die meisten Menschen kennen Sie nur als Autor des Kultbuches "Per Anhalter durch die Galaxis". Dabei haben Sie inzwischen eine Multimedia-Firma, "The Digital Village", gegründet und sind zu einem der führenden Apologeten des WWW geworden. Ihr neuestes Internet-Projekt heißt "h2g2". Was hat es damit auf sich?

Vor zwanzig Jahren erfand ich den Reiseführer "Per Anhalter durch die Galaxis". Ich wollte damals zwar keiner dieser visionären Science-Fiction Schriftsteller sein. Aber ich war einer. Denn das Buch basierte auf einer einfachen Idee: dass ein Reiseführer von den Leuten gemacht wird, die ihn benutzen und zwar während sie reisen. Er entsteht also live und interaktiv. Genau das können wir heute dank des Internets tun. Zwar sitzen die meisten Menschen noch zu Hause, wenn sie sich ins Net einloggen. Aber mit dem Internet-Handy ist der nächste Schritt schon gemacht. Man kann jetzt von unterwegs Informationen austauschen. Und "h2g2" wird das überall abrufbare Reiselexikon sein, das von jedem jederzeit ergänzt werden darf.

Wie soll das denn gehen, wenn die Hälfte der Menschheit noch nicht mal ein Telefon besitzt?

Das Internet steht erst ganz am Anfang. Aber es ist ein Medium, das sich rasant verbreitet. Da kann ich über Zweifler nur lachen, die behaupten, das Internet würde überschätzt. Es wird eine der größten Revolutionen der Menschheitsgeschichte auslösen. Zur Zeit hat ein Prozent der Menschheit Anschluss ans Net und es hat schon diesen immensen Einfluss. Was wird bei zwei Prozent passieren, oder bei fünfzig!

Was denn?

Ich antworte mit einer meiner Lieblingsgeschichten. Als man dem Bürgermeister von Boston zum ersten Mal in seinem Leben ein Telefon zeigte, sagte er: "Nennt mich einen Irren, aber ich sehe den Tag voraus, an dem in jeder amerikanischen Stadt so ein Ding stehen wird." Vor zwei Tagen war ich in Disneyland. Auf einmal klingelte mein Handy. Ein Freund war dran, der mich aus dem Kongo anrief, wo er gerade Berggorillas beobachtete. Da dachte ich, dass heute selbst die größten Internet-Enthusiasten eher dem Bürgermeister von Boston gleichen. Man kann die Entwicklungen gar nicht alle vorhersehen. Selbst ich nicht.

Keine Idee, wie die Welt in zwanzig Jahren aussehen könnte?

Na ja, wir sind ja alle nur Teil eines seit Millionen Jahren andauernden Projekts, dessen Ziel es ist, dumme Materie in intelligente zu verwandeln. Vor dreieinhalb Millionen Jahren waren da nur Wasser und Steine. Dann vergehen ein paar Millionen Jahre und plötzlich finden sich Wesen mit Hirn. Die Menschen sind aber immer noch umgeben von dummer Materie. Und da fangen sie selbst an, dumme Materie in intelligente Materie zu verwandeln. Sie nehmen beispielsweise Sand und machen Silikon draus. In zwanzig Jahren, glaube ich, wird die Welt um uns herum einfach viel intelligenter sein. Und die Menschen werden viel mehr miteinander kommunizieren als heute.

Was werden sie sich denn erzählen?

Darum geht es gar nicht so sehr. Eher darum, wie sie miteinander reden. Wir leben, ähnlich wie in den Sechzigern, in einer Zeit, in der junge Leute unheimlich aktiv sind und sich im Internet eine Welt ohne Hierarchien aufbauen. Kommunikation findet dort nicht von oben nach unten statt, sondern horizontal. Das Internet wird von unten gebaut, von lustigen Leuten wie uns. Woran die Jugendbewegung der Sechziger scheiterte war die Vereinnahmung durch den Markt. Ich glaube, das wird im Internet nicht so einfach geschehen, weil es viel chaotischer und schneller ist.

In ihrer Firma, "The Digital Village", haben Sie den Posten des Chef-Fantasierers ("Chief-Fantasist"). Was machen Sie den ganzen Tag?

Nachdenken und Emails verschicken. Aber im Ernst: Die Menschen erfinden sich im Moment ihre eigene Zukunft. Und wenn man da einfach nur die Nase rümpft und sagt, die neuen Technologien sind ein Haufen Mist, dann kriegt man halt einen Haufen Mist. Aber wenn man eine kreative und menschliche Einstellung zum Internet entwickelt, dann kann man eine lustige Sache daraus machen.

Hat der "I love you"-Virus Sie eigentlich auch getroffen?

Ich habe diese nette Email bekommen. Aber ich benutze aus Überzeugung Apple-Computer, auf denen Windows nicht läuft. Also war mir das egal.

Diese ganze Virus-Geschichte hört sich ja an wie eins Ihrer apokalyptischen Szenarien aus "Per Anhalter durch die Galaxis"?

Stimmt, he, he, he. Aber die Leute reagieren über. Wir haben doch schon immer mit Viren gelebt, dem Grippevirus beispielsweise. Jetzt haben wir ein neues Medium und das bringt neue Viren mit sich. Aber Viren kommen und gehen, kein Grund zur Panik. Das waren doch nur irgendwelche Nervensägen.Douglas Adams spricht heute um 20 und 22 Uhr auf Englisch in der Kulturbrauerei über die Zukunft der digitalen Welt. "h2g2" ist unter www.h2g2.com abrufbar. Das Gespräch führte Philipp Lichterbeck.

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