Kultur : Das ist bei "Edward III." in Köln die Frage

Ulrich Deuter

Ein neues Werk von Shakespeare - eine Sensation! Doch gemach, es hat weder das Grab gesprochen, noch hat ein Stratforder Dachboden sein Geheimnis enthüllt. Es hat nur das Kölner Schauspiel ein apokryphes Werk hoch gestuft. Allerdings nicht ohne Grund. Immer mal wieder werden ja in einem dramatischen Findelkind Züge des großen William entdeckt, meist folgenlos; so vor ein paar Jahren am Berliner Ensemble im Falle von "Pericles". Bei "Die Regierung des Königs Edward III." aber neigt sich die Waagschale seit längerem Shakespeare zu, Urteile angesehener Forscher, neuere Editionen wie die Arden-Ausgabe sowie eine Computer-Analyse türmen sich zu ansehnlichem Gewicht. Und Ludwig Tieck war sich ja ohnehin dessen sicher: 1836 übersetzte er "Edward" als Shakespeares Werk.

Das Kölner Schauspiel also meldet, 400 Jahre post festum, die deutschsprachige Erstaufführung eines Shakespeare-Dramas, und Frank-Patrick Steckel ist sein Übersetzer und Regisseur. Alas, folgen wir ihm in den Hundertjährigen Krieg. Den beginnt Edward III. (1327-77), weil sein - genealogisch begründeter - Anspruch auf den Franzosenthron von dessen Besitzer Philipp VI. zurückgewiesen wird. Doch bevor das englische Corps auf dem Kontinent landet und sich siegreich bis Calais schlägt, muss ein anderer Feind überwunden werden: die Leidenschaft. Sie ist stärker als der Schottenkönig David, der wider den Stachel löckt und mit Links erledigt wird. Cupido aber besiegt Edward, als er die Lady Salisbury erblickt, so gründlich, dass der König lieber auf Frankreich verzichtet als auf die Frau.

Wer nun "Make love, not war" frohlockt, ist im falschen Säkulum. Denn ein Herrscher hat kriegerisch nach außen, friedlich nach innen zu sein, und die Begehrte ist eines treuen Vasallen Ehefrau. Edward drängt, die Lady widersteht, da verpflichtet der König ihren Vater auf seinen Lehnseid, ihm die Tochter ins Bett zu schaffen. Graf Warwick gehorcht unter Qualen, doch die Lady will lieber sterben als entehrt sein. Sie trifft den königlichen Buhlen zur Schäferstunde, verlangt aber, pokernd, als Brautgabe den Mord an beider Gemahlen. Und Edward willigt ein - da freilich droht sie mit Selbstmord. Jetzt erwacht der "geile König" wie aus einem Albtraum. Schwört ab und zieht gen Frankreich.

Dies sind kraftvolle Szenen, die in der Maßlosigkeit von Begehren und Treue und der Infamie der Macht an die Rosenkriegs-Dramen oder "Macbeth" erinnern und deren funkelnde Verse Shakespeare gut anstehen. "Edward III." kam in London 1596 ohne Autorenangabe heraus, damals schrieb Shakespeare sein episches Gedicht "Die Schändung der Lucretia", ein Topos, der in dem Liebeshändel zwischen Edward und der Salisbury verarbeitet wird. Es mag also sein, dass er der Autor zumindest dieses zweiten Akts ist. Auch in Steckels Inszenierung ist dies der stärkste Teil. Er gewinnt seine Spannung dadurch, dass zeremoniell abgezirkelte Figuren in die Beschleunigung einer Emotion geraten, die nicht aus ihrem Innern kommt. Sie ist Teil eines Spiels, das gespielt werden muss. Zwischen drei parallelen Mauern - Turnierschranken - bewegen sich Gestalten aus einer anderen Welt: Figuren in fußlangen, steifen Gewändern mit großen, heraldischen Mustern: Der König, Der Ritter, Die Frau (Bühne und Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer). Sich symmetrisch bewegend, zu Posen gefrierend, gemessen, doch sehr nachdrücklich sprechend, ist jede ihrer Handlungen eine Position.

Wie schon in seinen beiden vorherigen Shakespeare-Inszenierungen "König John" und "Verlorene Liebesmüh" hat Steckel die Schauspieler zu Schachfiguren entkörperlicht, zu figuralen Emblemen wie aus der Manesse-Handschrift. Der geometrischen Schönheit dieser Figurenbilder, ihrer Genauigkeit, ihrem stillen Pathos zuzuschauen ist in diesem Theateralltag voll verzappelter Belanglosigkeiten von sehr hohem Reiz und lässt vier Stunden leicht vergehen. Es hebt sich vor allem Jochen Tovote heraus, dem es gelingt, seinen Edward in der Ferne des Typus zu halten und zugleich als Person zu entwerfen, die einmal Nein sagen wird. Der Franzosenkönig (Bert Oberdorfer) ist dagegen zu biedermännisch, die Salisbury (Dagmar Sachse) zu rotbäckig und blond, um die Schärfe der Edward-Figur weiter anschleifen zu können.

Doch der nazarenische Ernst der Inszenierung wird immer da zu farbigem Gips, wo ganze Passagen in der Sprache dünn und der Handlung grob werden. Denn die Fabel des Dramas fügt sich im Folgenden überraschend eng dem starren Schema der Ritterepen: Störung des Hof-Friedens (durch Leidenschaft), reinigende Aventiure-Fahrt samt Schwertleite (an Edward junior, den Schwarzen Prinzen), Sieg über die Feinde und abschließende Wiederherstellung der Hofesfreuden, indem die Königin sowie alle überwundenen Feinde sich am Hofe versammeln. Es gibt Schlachtenbeschreibungen, die so erregen und so beruhigen wie ein Gedicht, und es gibt solche, deren Langatmigkeit nervt. Und immer wieder geht es um Herrschertugend, vor allem die Bedeutung des Schwurs. Und zwar, anders als bei der Liebe Edwards zur Salisbury, nur in platt didaktischer Weise.

Diese belehrende Schlichtheit ist nicht der Shakespeare, den wir gewohnt sind - oder er war es eben nicht. Seine mögliche Handschrift ist erst wieder im vierten Akt zu spüren, in den Ängsten und Versuchungen des Prinzen Edward (Thomas Bischofberger) vor der Schlacht; in einer Prophezeiung an den Franzosenkönig, die an den Hexenfluch im etwa zehn Jahre später verfassten "Macbeth" erinnert; in der Szene, da das belagerte Calais sechs angesehene Bürger im Büßerhemd sich zu opfern herausschickt, damit die Stadt verschont bleibt - was nachmals Rodin zu einer ergreifenden Groß-Skulptur animierte. Ein vielleicht neuer Shakespeare - und eine bemerkenswerte Inszenierung, deren Leistung darin liegt, Shakespeare ent-fernt zu haben. Was nach dem Boom im Zeichen von "Unser Shakespeare" das Mutigere und Notwendige ist. Denn Shakespeare gehört uns nicht. Was sich nicht zuletzt darin zeigt, dass wir nicht einmal wissen, wer er war und was er geschrieben hat. Vielleicht "Edward III.", vielleicht nicht.

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