Kultur : Das ist der Berliner Wind

Ein gutes Jahr geht, ein besseres kommt

Christiane Meixner

Es war ein gutes Jahr für die Kunst. Vor allem für Zeitgenossen, denen nie zuvor mehr finanzielle Aufmerksamkeit zuteil geworden ist. Davon profitieren Strategen wie Damien Hirst oder Jeff Koons, dessen dickleibiges „Hanging Heart“ mit eingespielten 21 Millionen Dollar zum teuersten Werk eines lebenden Künstlers aufgestiegen ist (Hirsts Brillantenschädel lassen wir wegen des Materialwerts außen vor). Viel mehr noch rührte aber „White Center (Yellow, Pink, Lavender on Rose)“ von 1950 an den Grundfesten des Kunstmarktes: Mark Rothkos abstraktes Gemälde kostete bei Sotheby’s schwindelerregende 72,8 Millionen Dollar und hält nun locker mit den Werken des Impressionismus mit, die bislang führend im Segment der Moderne waren.

Den aktuellen Hunger auf Zeitgenössisches konnten jene drei Künstler allein allerdings nicht stillen. Und so holen auch die Maler aus denjenigen Ländern auf, in denen vermehrt neue Sammler sitzen: 2,9 Millionen Pfund zahlte eine anonymer chinesischer Sammler bei Sotheby’s für ein Gemälde von Yue Minyun, dessen Figuren sich grinsend in den Tod begeben. Und Yue? Gilt seither als teuerster lebender Künstler aus China.

Schwer wiegt in dem ganzen Wirbel nun die Frage, ob mit der steigenden Aufmerksamkeit auch die Liebe zur aktuellen Kunst wächst. Für die europäischen Museen wird die zeitgenössische Kunst unerschwinglich, es sei denn, ein Sammler erbarmt sich und verleiht oder schenkt. So gesehen war es kein gutes Jahr für die aktuelle Kunst, und man freut sich, wenn dort in anderer Hinsicht Bewegung ist. In Berlin verschieben sich momentan einige Gewichte. Das Gewohnte war gestern, ab morgen weht ein anderer Wind.

Es pustet etwa Udo Kittelmann. Der Museumsdirektor aus Frankfurt liebt das Sperrige. Fast meint man, es gefällt ihm, wenn etwas Schwierigkeiten macht. So war es 2001 zur Biennale in Venedig, als Pavillon-Kurator Kittelmann noch einmal alle Einzelteile des „Toten Haus U r“ zusammensetzen wollte und bis zuletzt nicht wusste, ob Gregor Schneiders beklemmendes Elternhaus tatsächlich rekonstruierbar ist. Jetzt übernimmt Kittelmann die Leitung der Nationalgalerie, mit ihren vier Häusern.

Ungleich unauffälliger vollzieht sich im Neuen Berliner Kunstverein (NBK) der Generationenwechsel. Marius Babias tritt hier 2008 seine Stelle als Direktor an. Ein Streiter und unbequem, wenn es sein muss, gut vernetzt und trotzdem niemandem verpflichtet. Er hat ein spannendes Programm angekündigt, das sich nicht in Ausstellungen erschöpft, sondern Teil eines Diskurses sein will. Hinzu gesellt sich die Berlin-Biennale mit neuen Orten und einem 24-Stunden-Programm. Und so fühlt sich die aktuelle Kunst in Berlin 2008 (hoffentlich) sauwohl. Auch wenn sich dieser Zustand nicht täglich in Millionen umrechnen lässt.

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