Kultur : Das ist der Gipfel

Was passiert, wenn Berliner Philharmoniker den höchstgelegenen Konzertsaal Europas erklimmen

Ulrich Amling

Ein Gefühl, als ob die Saiten am Cello durchhängen würden; kein Widerstand, kein Ton. Immer weiter dicht am Steg spielen und hoffen, dass es irgendwann anfängt zu klingen – so macht man sich Mut. Und überhaupt: Den Kollegen Bläsern geht es noch schlechter. Die vertrauten Mundstücke von Oboe und Fagott geben sich spröde und wollen in der dünnen Luft gar nicht schwingen. Geduldiges Basteln an den Rohrblättern und noch mehr Druck erzeugen, obwohl der Atem kurz geht und das Herz schon bis zum Kinn schlägt.

Musizieren im Gebirge ist wie die Besteigung eines Viertausenders. Der Berg sagt dir, dass er dich hier nicht haben will. Er will dich fallen sehen. Einen solchen Empfang sind Solisten der Berliner Philharmoniker nicht gewohnt. Zu Hause auf den kulturellen Hochplateaus der Welt, wissen sie, was künstlerische Höhenluft ist. Doch in der Bergwelt von Zermatt, die im Sonnenlicht zauberhaft gleißt und im Nebel Schübe von Alpdruck auslösen kann, lernen selbst Spitzenmusiker noch ihren Teil: Einen Gipfel erstürmt man nicht, man geht ihn an. Schritt für Schritt.

Das neue Zermatt-Festival, das mit der Kapelle der Riffelalp auf 2222 Metern über dem Meer Europas höchstgelegenen Konzertsaal betreibt, will an goldene Zeiten anknüpfen. Damals, in den fünfziger und sechziger Jahren, kamen große Musiker zur ausgedehnten Sommerfrische in die Berge und ließen sich von findigen Hoteldirektoren zum Konzertieren und Unterrichten überreden. Legendär sind die Kurse des ewig grantigen Pablo Casals; Clara Haskil war da und auch die junge Jacqueline du Pré. Heute wimmelt es von Tagestouristen, die einen Blick aufs Matterhorn ergattern wollen oder sich mit einem Snowboard zum Sommerskigebiet empor gondeln lassen. „Wir sehen uns im Sommer“, wirbt ein Plakat, daneben klebt die Suchmeldung nach Andrzej, einem polnischen Bergsteiger, seit sechs Wochen vermisst.

Abgestürzte und Aufsteiger: Nirgends kulminiert die alpin-morbide Stimmung Zermatts stärker als in der Englischen Kirche. Umgeben von Gedenktafeln für britische Bergromantiker, die nach der schicksalhaften Erstbesteigung des Matterhorns durch Edward Whymper 1865 in das Städtchen strömten, probt heute der Nachwuchs. 38 junge Musiker werden in der Kammermusikakademie des Festivals von Philharmonikern unterrichtet. Sogar eine Mandoline ist mit dabei, weil die Bewerbung den Dozenten so gut gefallen hat. Und dann schwebt Giovanni Hoffmanns Mandolinenquartett heiter durch den Raum, Zuhörer mit Bergstiefeln und Kniestrümpfen lauschen still.

Gleich zu Beginn des Festivals haben sich Stipendiaten der philharmonischen Orchesterakademie zum Cervino-Quartett zusammengetan. Sie wollen gemeinsam weiter wachsen, auch wenn die einzelnen Mitglieder nach und nach erste Stellen im Orchester annehmen. Mit Debussys g-moll-Quartett gehen die jungen Musiker einen souveränen Schritt voran in Richtung Kammermusik-Höhenzug.

Das Rückgrat der Zermatter Festival-Träume bildet das Scharoun Ensemble der Berliner Philharmoniker. In der klassischen Oktettformation vereint es Bläser und Streicher auf engstem Raum. Seine Mitglieder sind gleich dreifach gefordert: Sie geben Konzerte auf Riffelalp, unterstützt von Starkollegen wie Emmanuel Pahud und Albrecht Mayer, sie unterrichten die Teilnehmer der Akademie und formen mit ihnen zusammen auch noch das Zermatt-Festival-Kammerorchester, das sein Debüt mit einem All-Mozart-Programm in der Stiftskirche gibt. Kurz davor hat man dort die Jäger für die neue Saison geweiht, jetzt reißt ein bewundernswert mit den Elementen ringender Albrecht Mayer in seinen Kadenzen die feierliche Stimmung klaffend auf: Die Welt ist tief.

Proben, konzertieren, mentorieren – jeden Tag ein Kraftakt in Höhenluft, der auch nachdenklich stimmt. Und so wollen Orchestervorstand Peter Riegelbauer und seine Kollegen ihr Engagement in den Bergen auch erst einmal als Pilotprojekt verstanden wissen. Man wolle in Ruhe auswerten, ob das Festival die eigenen Erwartungen erfüllt. Dabei wird eine Hauptrolle spielen, wie die Akademisten ihre Zeit in Zermatt bewerten. Schließlich geht es darum, am Ende die ganze Seilschaft wieder gut herunter zu führen. Es ist der gefährlichste Teil der Reise: Der unglückliche Whymper verlor einst seine Kameraden beim Abstieg vom Matterhorn. Noch heute untersuchen Delegationen aus aller Welt das gerissene Hanfseil. Vielleicht gehen sie ja nächstes Jahr mal dorthin, wo mit Musik neue Bande geknüpft werden.

Infos: www.zermatt-festival.com

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben