Kultur : Das ist der Hammer!

Sybill Mahlke

Gewiss ist der Hammerschlag in der sechsten Symphonie von Gustav Mahler ein theatralisches Moment. Wenn der Musiker, der ihn auszuführen hat, aufsteht, das ungewöhnliche Instrument schwingt und niedersausen lässt, stößt man einander im Publikum staunend oder belustigt an. Dennoch dient der Hammerschlag als ein absolutes musikalisches Zeichen, ein Gipfelpunkt, der die Durchführungen im Finalsatz der Symphonie gliedert. Der Komponist definiert ihn klanglich: "Kurzer, mächtig, aber dumpf hallender Schlag von nicht metallischem Charakter (wie ein Axthieb)."

Kent Nagano scheint am Pult des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin auf alle biografischen Ausdeutungen der Partitur verzichten zu wollen - wie auf den dritten Hammerschlag, den Mahler selbst in der Revision seines Werkes eliminiert hat. Es geht also weniger um die Schicksalsschläge, von denen, laut Alma Mahler, der dritte tödlich sein sollte, als um absolute Musik. Was an Persönlichem in ihr mitschwingt, Kindertotenlieder, Kindersterben, Verlust der Gesundheit und des Ansehens Mahlers, unterwirft sich der tönend bewegten Form. So bringt das Orchester mit Nagano einen Kosmos zum Klingen, ein geordnetes Ganzes, das trotz Herden- und Röhrenglocken und des Hammers Gewalt niemals Stimmungsmusik ist. Das Finale beherrscht den Plan der Interpretation, bei der die "Differenzierung innerhalb der Marschcharaktere" (so Habakuk Traber in seiner Einführung zum Konzert) wichtiger wird als die tragische Botschaft, die nicht nur Alma Mahler hinter dem Werk sieht. Man kann beobachten, wie ein Ritardando gemacht und die Einleitung des Schlusssatzes - "Etwas schleppend" - ausdirigiert, quasi ausgezählt wird. Mag sein, dass die Interpretation weniger aus dem Herzen kommt als aus Kontrolle und Feuer. Naganos Lesart ist kaum von der Art, die Empfindungen des Mahler-Ehepaares zu spiegeln: "Wir weinten damals beide." Die koloristischen Schönheiten der Musik aber - Vier-Flöten-Farbe oder jubelnde acht Hörner im Kopfsatz - verfehlen ihre Wirkung nicht. So erstreckt sich ein 90-minütiger(!) Ostermarsch des DSO in der Philharmonie. Das Orchester feiert seinen Dirigenten.

Instrumentale Aura bestimmt auch das gut halbstündige Concerto grosso Nr. 2 für Violine, Violoncello und Orchester von Alfred Schnittke, das der agile Programmplaner Nagano den Mahler-Märschen vorangestellt hat. Vom sehr tiefen Blech zum ätherischen Flageolett und Pizzikato der Solostreicher dominiert Farbigkeit, nicht zuletzt dank der treuen Schnittke-Interpreten Gidon Kremer und Marta Sudraba. Das Concerto des Polystilisten hat Bachisches Flair. An diesem Abend gibt es keinen romantischen Mischklang.

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