Kultur : Das ist ja erschütternd

Steffen Richter

verlangt Gerechtigkeit für ein Urvieh „Wer sich behaglich mitzuteilen weiß, den wird des Volkes Laune nicht erbittern“, verkündet die „Lustige Person“ im Vorspiel zu Goethes „Faust“. Und weiter: „Er wünscht sich einen großen Kreis, um ihn gewisser zu erschüttern.“ Ob „Politik als Talkshow“ eine Angelegenheit von „Lustigen Personen“ ist, fragt jetzt „Valerio“. So heißt eine neue Reihe zu aktuellen Themen aus Sprache, Ästhetik und Kulturpolitik, die von der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung veröffentlicht wird. Das zweite Heft mit dem Titel „Demokratisch reden“ widmet sich, als hätte Herausgeber Gustav Seibt den Wahlabend samt Medienschelte vorausgeahnt, den demokratischen Standards unter Fernseh-Bedingungen. Es geht um den Polit-Talk „Sabine Christiansen“, um Populismus, den Begriff der „Mediendemokratie“ und die Frage, ob das Parlament mittlerweile entbehrlich geworden ist. Um über das Ausmaß des Realitätsverlusts zu diskutieren, hat Seibt die Schriftsteller Burkhard Spinnen und Martin Mosebach sowie die Feuilleton-Chefs von „Zeit“ und „Welt“, Jens Jessen und Eckhard Fuhr , am 12.10. in den Roten Salon der Volksbühne eingeladen (20 Uhr, Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte).

Eine andere Form von Realitätsverlust macht der Finnin Johanna Sinisalo zu schaffen. Wenn man – wie ihr Protagonist, der schwule Fotograf Angel – morgens erwacht und ein schwarzes Hinterteil mit Schwanz samt Quaste im Bad verschwinden sieht, kann man schon an seinen Sinnen zweifeln. Schnell begreift Angel: „Er trinkt aus der Kloschüssel.“ Ach so. Er, das ist Pessi, der Troll. Angel hat ihn am Vortag ins Haus genommen, um ihn vor einer Gruppe Jugendlicher zu beschützen. Die glauben, Trolle hätten nur vier Finger und seien jähzornige Wesen, die nach Wacholder riechen. Dabei kann dieses Urvieh aus der pan-skandinavischen Mythologie durchaus gutmütig sein. Es ist nur anders, und zwar gründlich. Doch genau das reizt Johanna Sinisalo. Ihr Roman „Troll. Eine Liebesgeschichte“ (Tropen) ist mehr als reiner Schabernack. Hier wird eine soziologische Fantasie ins Werk gesetzt, die in Fantasy-Manier zeigt, wie das Unbekannte flugs mit dämonischen Projektionen aufgeladen wird. Heute kann man die preisgekrönte Autorin im Felleshus in den Nordischen Botschaften (Rauchstr. 1, Tiergarten, 20 Uhr) erleben.

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