Kultur : Das ist Kult

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Rüdiger Schaper über Voodoo

als Weltreligion

In New Orleans, in der Bourbon Street, kann man sich bei „Reverend Zombie’s Voodoo Shop“ mit allerlei Dingen des esoterischen Alltags eindecken. Und gleich um die Ecke, in der St. Peter’s Street, findet man das New Orleans Voodoo Museum. In der französischsten aller amerikanischen Städte lebte einst Marie Lavieu. Sie hatte fünfzehn Kinder, wurde 87 Jahre alt und pflegte hinter der St. Louis Cathedral ihre speziellen Gottesdienste abzuhalten. Noch heute wird sie dort als die Queen of Voodoo verehrt, die größte, die je auf Erden tanzte.

Vielen gilt Voodoo als exotischer Thrill, als wilde Folklore oder schmutziger Bastard des Christentums – und wird für Horrorfilme mit Nadelpuppen, Zombies, dicken schwarzen Frauen, die Zigarren rauchen, und blutigen Tieropfern gern missverstanden. Voodoo ist der Underdog der Religionen, was sich wohl schon aus der afrikanischen Herkunft erklärt. Voodoo kam mit den Sklaventransporten der europäischen Kolonialmächte in die amerikanische Hemisphäre.

Eine seltsame Koinzidenz: Während die Welt vor einem clash von Islam und Christentum zittert und Amerikas Präsident George W. Bush mit seinem own personal Jesus im Rücken Krieg führt, erkennt sein haitianischer Amtskollege JeanBertrand Aristide Voodoo jetzt offiziell als Religion an. Der Herr von Porte-au-Prince gab diese Erklärung zum 200. Unabhängigkeitstag seines Landes ab. Aristide war immerhin einmal katholischer Priester, was ihn nicht davon abhält, sich mehr und mehr in die terroristische Tradition Haitis einzureihen.

Voodoo und Haiti: Schon der Klang dieser beiden Worte hat die Fantasie deutscher Dichter beflügelt, von Heinrich von Kleist („Die Verlobung in St. Domingo“) bis Anna Seghers und Heiner Müller („Der Auftrag“). Hubert Fichte zog einst mit der Fotografin Leonore Mau durch Lateinamerika, und seinen ekstatischen Selbsterfahrungsberichten („Xango“, „Petersilie“) verdanken wir atemberaubende Einsichten, die man im Reisebüro nicht buchen kann. Frank Castorf, Deutschlands agilster Theatermann, hat nun auch Voodoo entdeckt – nach jahrelanger Beschäftigung mit Dostojewski und den Geistern der Orthodoxie.

Voodoo ist ein Phänomen der Neuen Welt, ein fern-westlicher Pfad der Erleuchtung. Ein dunkles Schicksal: Well, the night I was born/Lord I swear the moon turned a fire red, so vibrierte schon Jimi Hendrix: Well I´ m a voodoo chile/Lord, I´m a voodoo chile. Anders als das Christentum, aber ebenso wie die indischen Synkretismen der Pop-Kultur, schmeckt Voodoo auch nach Sex & Drugs & Rock’n’Roll. Auch das mag ein Klischee sein, dessen sich reiche Weiße bedienen, und Monsieur Aristide mag innenpolitische Gründe haben, wenn er Voodoo staatlich anerkennt – Opium fürs Volk.

Doch es ist nicht zu übersehen, wie sich Religion in den unterschiedlichsten Spielarten weltweit auf eine Renaissance vorbereitet; und sei es auf dem Rücken der Gläubigen. Voodoo wurzelt auch im Christentum, so wie das Christentum einmal heidnische (altägyptische) Mythen und Kulte übernommen hat. Was ist der von Christus aus dem Tod erweckte Lazarus anderes als ein neutestamentarischer Zombie? Und was ist das für ein christlicher Glaube bei dem einsamen Beter von Washington, der nicht einmal Würdenträger seiner eigenen Kirche empfängt?

Man kann von Voodoo selbst von weitem manches Verdrängte wieder begreifen: die hohe Theatralik der Religionen, ihre grausamen Elemente, ihre ungebrochene Archaik. Kinder lieben Märchen. Menschen brauchen Rituale, zwischen Himmel und Hölle.

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