Das Jahr 1989 : Khomeini, Beethoven und die Berliner Mauer

1989 hat die Welt verändert, überall. Sharnush Parsipur, iranische Schriftstellerin im Exil, erinnert sich an ein umwerfendes Jahr.

Sharnush Parsipur

Für mich brachte das Jahr 1989 fünf wichtige Ereignisse. Das erste war die Fatwa, mit der Ajatollah Khomeini zum Mord an Salman Rushdie aufrief. Ich litt unter der Vorstellung, dass auch wir gemeint sein könnten, wir iranischen Schriftsteller. Zu dieser Zeit, Anfang 1989, ging der Roman „Tuba und die Bedeutung der Nacht“, den ich im Gefängnis geschrieben, ebendort verbrannt und nach meiner Freilassung erneut aufgeschrieben hatte, in Druck. Drohte Ajatollah Khomeini auch uns, die wir nach jahrelanger schrecklicher Stille wieder die Köpfe erhoben? War es eine Warnung, dass der kleinste Text, den die Herrschenden als islamfeindlich auslegten, den Tod des Verfassers zur Folge haben konnte? Das war mein Gefühl, als ich im Zimmer meines Sohns saß und hörte, wie in der BBC die Fatwa verlesen wurde. Ich dachte darüber nach, warum ich denn eigentlich kein eigenes Zimmer hatte, in dem ich in Ruhe schreiben konnte.

Das zweite Ereignis war der Tod des Ajatollah Khomeini im Juni 1989. Man kann sagen, dass in diesem Moment das Land explodierte. Schon seit langem warteten alle auf seinen Tod. Der Ajatollah war krank, das Fernsehen zeigte ihn auf dem Krankenlager. Aber dann, als die Leiche beerdigt werden sollte, strömten Millionen Iraner auf die Straßen. Ich saß zu Hause und sah fern. Fast hätten die Menschen den Leichnam mit ihren Händen zerfetzt. Ich fragte mich, wie Sigmund Freud wohl den Vorgang gedeutet hätte. Mir war nicht klar, ob die Menschen diesen Tod feierten oder ob sie ihn betrauerten. Ich fragte jemanden: Warum warst du auf der Straße? Er sagte: Es gibt ja sonst keine Abwechslung! Die Beerdigung Ajatollah Khomeinis war der Höhepunkt und zugleich der Tod des althergebrachten iranischen Patriarchats.

Das dritte Ereignis, das für mich 1989 wichtig war, fand eine Woche nach dem Tod Ajatollah Khomeinis statt: Mein Roman „Tuba und die Bedeutung der Nacht“ wurde veröffentlicht. Kurz zuvor war ich in die Gegend gegenüber der Universität Teheran gegangen, um mir ein Buch zu kaufen. Ich erinnere mich noch, dass an den Ständen der Zeitungsverkäufer keine anderen Schriften als Kreuzworträtsel auslagen. Die Despotie war bis ins Knochenmark hinein zu spüren. Gewiss war das Erscheinen meines Buches kein Weltereignis. Aber für den iranischen Kulturbetrieb hatte es doch Bedeutung. Es war, als ob sich endlich ein Deckel öffnete, der lange schon unter Druck gestanden hatte.

Das vierte wichtige Ereignis war meine Entscheidung, ein neues Buch zu schreiben. Meine Tante hatte mir erlaubt, in ihr Haus nach Ramsar am Kaspischen Meer zu fahren, damit ich dort in Ruhe arbeiten könne. Als ich das Haus betreten wollte, fand ich unterhalb der Türschwelle eine große tote Maus. Die Botschaft war klar: Du setzt dich wie eine tote Maus hin und schreibst dein Buch.

Meine Tante hatte darauf hingewiesen, dass der rechte Nachbar ein Islamist sei, an dessen Ohr keine Musik dringen sollte. Auch zum linken Nachbarn durfte keine Musik durchdringen, aber aus anderen Gründen. Er war ein rauschgiftsüchtiger ehemaliger Schmuggler voller Tätowierungen, und meine Tante fürchtete, er könnte mich belästigen.

In dieser Einsamkeit und Stille begann ich, den Roman zu schreiben, und in dieser Stille hörte ich wieder und wieder das 5. Klavierkonzert von Beethoven. Und dann geschah das fünfte Ereignis, das sich mit dem Jahr 1989 verbindet: Die Berliner Mauer fiel.

Die Wirkung war für mich in jener kleinen, abgelegenen und ruhigen Stadt am Meeresstrand im Norden Irans, vertieft in meine Arbeit am Roman, zunächst allerdings nicht besonders heftig. Es gab Bilder in den Zeitungen, auf denen man sah, wie die Menschen aufeinander zu gingen. Und ich, die ich langsam, aber sicher im komplexen Text meines Buches ertrank, band ohne vorherige Planung Ludwig van Beethoven in mein Werk ein. Beethoven spielte mitten auf der Straße Klavier.

Später aber geriet ich, bedingt durch das Trauma meines Gefängnisaufenthalts, durch Armut, Zensur und den körperlichen und seelischen Druck, in eine andere Welt, die mit der Realität nichts mehr zu tun hatte. Ich machte eine lange und weite Reise. Sie begann mit dem Flug des Spermas in Richtung einer Eizelle und reichte bis an die Stelle, wo ich Castro auf einer Bauruine sah. Ein Drache hatte ihn angegriffen. Castro wich vor dem Drachen rückwärts zurück, bis an die Schwelle, wo er abstürzen würde. Ich erinnere mich, dass ich in dieser irrealen Welt meine Hand hob und Castro mitten im Sturz innehielt. Am ersten Weihnachtstag 1991 zerbrach die Sowjetunion. In deren Gefolge zerfielen die kommunistischen Länder, eins nach dem anderen. Aber Castro kam auf halber Fallstrecke zum Stillstand.

1992 kam ich nach Berlin, auf Einladung des Hauses der Kulturen der Welt. Man konnte sehen, dass die Stadt halb verrückt war. Der Westen Berlins war voller Lärm, der Osten hingegen kam mir ruhig und beschaulich vor. Kurz zuvor waren im Restaurant „Mykonos“ iranische Oppositionspolitiker ermordet worden. Der islamische Terrorismus nahm eine neue Gestalt an. Ich war infolge einer heftigen Nervenattacke zum zweiten Mal dem Zusammenbruch nahe.

Es war im Haus der Kulturen der Welt, wo ich den großen iranischen Exilautor Bozorg Alavi traf. Der aufgeregte alte Mann, der sein Leben in Ostberlin verbracht hatte, sagte mir, dass natürlich alle mich als eine Schriftstellerin ansähen, die gerade auf die Bühne getreten sei. Ich sollte meiner Popularität jedoch nicht auf den Leim gehen. Im Grunde genommen gebe es nichts Neues und es sei auch nicht vorgesehen, dass ich irgendetwas Erstaunliches erleben werde.

Nun weilt Bozorg Alavi nicht mehr unter uns. Aber seine Worte klingen mir immer noch in den Ohren. Es ist eine Wahrheit, dass Mauern gebaut werden und dass Mauern fallen. Aber unter diesem hohen und blauen Firmament ist kein Ereignis erstaunlich.

Der alte Iraner hatte sich jahrelang hinter der Berliner Mauer zu Hause eingeschlossen und seine Fantasien von der Heimat gepflegt. Mit Bitternis sah er auf seine Zukunft. Er wollte in diesem historischen Moment einem Neuankömmling wie mir, der viele Mauern der Verneinung überwunden hatte, um sich bis zu einer Stadt durchzuschlagen, deren Mauern gerade in sich zusammengefallen waren, die Essenz seiner Lebenserfahrung vermitteln. Wo alle nach der Wende in Aufruhr waren, da sagte er mir, dass nichts mich erstaunen müsse. Doch hätte ich nicht im Traum daran gedacht, den Rest meines Lebens im Exil verbringen zu müssen – hinter Mauern von Einsamkeit und Fremde.

Sharnush Parsipur wurde 1946 im Iran geboren. 1974 erschien ihr erster Roman, im selben Jahr trat sie aus Protest gegen das Schah-Regime von ihrem Posten im Fernsehen zurück und kam für ein Jahr ins Gefängnis. Nach ihrer Freilassung floh sie nach Frankreich. 1997 kehrte sie in den Iran zurück. Ohne Anklage setzte man sie vier Jahre lang fest. Ihr im Gefängnis begonnener Roman „Touba and the Meaning of Night“ (1989, deutsch: „Tuba“) wurde im Iran ein Bestseller. Nach dem Verbot ihrer Bücher ging sie 1994 in die USA ins Exil. Sie lebt in Providence/Rhode Island und hat bis heute elf Bücher publiziert, zuletzt „Men from Various Civilizations.“ Hamid Ongha hat ihren Text aus dem Persischen übersetzt.

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