Kultur : Das Jahr 2001: Leitkultur Familie

Robert Birnbaum

Die Familie hat den Parteien mit dem großen C im Namen seit jeher besonders am Herzen gelegen. Insofern ist es gewissermassen Traditionspflege, wenn Edmund Stoiber für die CSU das politische Jahr mit einer familienpolitischen Forderung eröffnet: Für jedes Kind drei Jahre lang 1000 Mark Familiengeld!

Das 1000-Mark-Projekt steht schon im bisher letzten familienpolitischen Grundsatzpapier der Bayern-Partei vom 10. April 2000. So recht bezahlbar ist es auch nicht - Stoiber hat schon im vorigen Sommer vorgerechnet, dass der Staat rund zehn Milliarden Mark ausgeben müsste, um eine derart aufgestockte Kinderhilfe zu finanzieren. Aber es geht ja auch gar nicht um den Tausender. Es geht um Traditionspflege im weiteren Sinne: Die Christsozialen sind auf dem Wege, ihr Familienbild mit neuen Wirklichkeiten in Einklang zu bringen.

Der Prozess ist ähnlich bei allen Volksparteien im Gange, bei den Christdemokraten ebenso wie bei den Sozialdemokraten. Dass er bei der CSU deutlicher zu erkennen ist als bei anderen, liegt am größeren Kontrast. So lange ist es ja noch nicht her, dass CSU-Größen unverdrossen die alte Trias "Kinder, Küche, Kirche" als frauen- und familienpolitisches Modell mit Zukunft priesen. Die übliche Dirndl-Folklore trug das Ihre dazu bei, den Eindruck zu erwecken, in Bayern sei alles noch beim Alten.

Das ist es längst nicht mehr. Stoibers schon legendärer Slogan "Laptop und Lederhose" war ein erster Versuch, Brücken zur Moderne zu schlagen. Inzwischen würde die Parteiführung die Hirschlederne am Liebsten ganz im Andenkenschrank verschwinden lassen. So wie sie beim Parteitag im November vergangenen Jahres die Blasmusik aus dem Tagungssaal verbannt hat. Die hätte auch nicht recht zu dem Bild gepasst, das der Saal bot: Da saßen auf den Delegiertenstühlen so viele Junge wie nie zuvor - und unter ihnen mehr Frauen als je. Junge, berufstätige Frauen, entschlossen, auch in der Politik Karriere zu machen. Und das im Zweifel ohne Kinder.

Der Anschauungsunterricht in den eigenen Reihen hat den letzten Anstoß dazu geliefert, dass die traditionelle Familienpolitik in Bewegung geraten ist. Offiziell bleibt die Familie aus Vater, Mutter und - möglichst mehreren - Kindern das Leitbild. Aber längst zollt auch ein Edmund Stoiber in seinen Reden der Realität Tribut. Zwar beklagt er lautstark, dass immer weniger Menschen die Belastung, die Kinder seit jeher darstellen, tragen wollen - oder tragen können. Aber vorbei die Zeiten auch bei der CSU, in denen Frauen moralische Vorhalte zu hören bekamen, die ihren Beruf und die damit verbundene Unabhängigkeit und Anerkennung nicht leichthin für den Job der Hausfrau und Mutter opfern wollen.

"Die Welt hat sich verändert", hat Stoiber beim Parteitag gesagt. Wie sehr, zeigte sein nächster, nachgerade defensiver Satz: "Die Entscheidung, eine Familie zu gründen, Kinder großzuziehen und Kinder zu erziehen, muss ein Weg bleiben, der anderen Lebenszielen in nichts nachsteht."

Der Satz ist auch deshalb so defensiv, weil Stoiber ganz gut weiß, dass es selten um eine Entweder-Oder-Entscheidung geht, sondern darum, Familienleben und Beruf in Einklang zu bringen. Keine theoretische, sondern eine ganz praktische Frage: Es geht um Kindergärten und die Betreuung von Schulkindern, bis ein Elternteil nach Hause kommt; es geht um flexible Arbeitszeiten und um Teilzeit-Angebote.

In der Praxis wie in der Theorie sind sich die Parteien da übrigens viel näher, als sie selbst es gerne zugeben. Dass zum Beispiel die Christsozialen die Überlegungen der rot-grünen Regierung für ein Recht auf Teilzeitarbeit ablehnen, verdeckt nur dürftig, dass sie im Grund selbst dafür ist - wenn auch mit der Einschränkung "für Eltern mit kleinen Kindern".

Überparteiliche Einigkeit herrscht bei den Familienpolitikern auch, dass solche Maßnahmen weitaus wirksamer sind als noch so gut dotierte Finanzhilfen, heißen sie nun Kinder-, Erziehungs- oder Familiengeld. Sie mögen nicht wenige Familienkassen spürbar entlasten - dass sich irgend ein Elternpaar selbst durch die 36 000 Mark, auf die sich Stoibers Tausender in den drei Jahren summieren würde, in seiner Entscheidung für oder gegen Kinder beeinflussen ließe, glaubt der Christsoziale vermutlich selber nicht. Aber dass gerade jene Ideal-Familie mit Kindern ohne gezielte staatliche Hilfen keine gute Zukunft mehr hat, dieses Anerkenntnis lässt sich aus seiner Forderung herauslesen.

Genau das ist ja das tiefere Problem der Familienpolitik mit großem C. Wenn sie ihr altes Leitbild in eine moderne Form hinüberretten will, kann sie nicht mehr auf den natürlichen Lauf der Dinge hoffen, sondern muss etwas dafür tun. Das ist ungewohnt. Und das ist teuer. Viel teurer als ein paar Tausender.

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