Kultur : Das Jahrhundert der Gejagten

Europas „Erzwungene Wege“: In Berlin eröffnet nach langem Vorspiel die Vertriebenen-Ausstellung

Thomas Lackmann

Berlin, 10. August 2006, Kronprinzenpalais Unter den Linden. Erika Steinbach ist fast am Ziel. Vor dem Haus wird protestiert, im Foyer umschwirren Kameras und Mikrofone die Vertriebenen-Präsidentin mit dem eisernen Lächeln, ihren Kurator Wilfried Rogasch, den Ausstellungsarchitekten Bernd Bess. Man zeige das Thema Vertreibungen konsequent europäisch, sagt Rogasch. Es gebe Verbindungslinien – Vertreiber wie auch ihre Opfer hätten immer wieder den Bezug auf vorangegangene Untaten gesucht. Man stelle an den Schluss das Thema Versöhnung; es gehe mitnichten um Opferhierarchien, Revanchismus, Aufrechnung.

Erika Steinbach moderiert freundlichst. Sie würde sich eher auf die Zunge beißen, als an diesem Tag etwas politisch Unkorrektes sagen. Der Erfolg dieser Ausstellung, die anfangs ziemlich anders hatte aussehen sollen, entscheidet über ihr Lebenswerk. Vor drei Jahren habe der wissenschaftliche Beirat der Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen sich für diese konsequent europäische Dimension entschieden, sagt sie im Interview. Nach weiterführenden Zukunftsplänen gefragt, nennt sie: die „vertiefte Darstellung“ der Geschichte deutscher Vertriebener.

„Erzwungene Wege“ gilt als Gründungsausstellung eines seit sieben Jahren propagierten und verhinderten Museums. 1999 wird beim Vertriebenen-Treff im Berliner Dom durch Innenminister Schily und die BdV-Präsidentin die Idee eines „Zentrums gegen Vertreibungen“ lanciert. Erika Steinbach will die „Heilung der Vertreibungsverbrechen“ für Polen und Tschechien zur EU-Aufnahmebedingung machen. 2000 wird die privatrechtliche Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen gegründet, die Schröder-Regierung erklärt ihre Ablehnung des BdV-Projekts. 2002 wird die Debatte durch Günter Grass’ Novelle über das Flüchtlingsschiff „Wilhelm Gustloff“ befördert. Der Bundestag befürwortet ein europäisch ausgerichtetes Dokumentationszentrum, polnische Intellektuelle schlagen Breslau als Standort vor. Der BdV besteht auf Berlin, in Polen und Tschechien wächst der Widerstand gegen den Verband. Eine polnische Zeitschrift zeigt die Funktionärin Steinbach als SS-Domina auf dem Rücken ihres Kanzlers. 2004 verteidigt Angela Merkel als CDU-Vorsitzende in Warschau die Idee eines Berliner Zentrums. 2005 eröffnet die Ausstellung „Flucht, Vertreibung, Integration“ im Bonner Haus der Geschichte und bricht Besucherrekorde. Der Historiker Micha Brumlik schlägt als Standort einer internationalen Gedenkstätte zu Vertreibungsverbrechen den Sitz des UN-Flüchtlingskommissars in Lausanne vor. Eine schier unendliche Geschichte …

Seit Mai dieses Jahres ist die Bonner Ausstellung, mit der die gestern Abend eröffnete Ausstellung „Erzwungene Wege“ der Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen nun konkurrieren muss, im Berliner Zeughaus zu sehen – gegenüber dem Kronprinzenpalais. „Flucht, Vertreibung, Integration“ setzt sporadisch auf Personalisierung; so können Besucher eingangs eine Lebensweg-Karte ziehen, mit der sie an drei Stationen Näheres zur Flüchtlings-Vita dieser Zufallsbekanntschaft erfahren. Vertreibungsweltgeschichte gibt den Einstiegsakkord. Dann dokumentieren Bilddokumente die Brutalität der Abschiebung, Vertriebenenunterkünfte werden anschaulich rekonstruiert. Auf die Eingliederung fremder Landsleute in die neue Heimat konzentriert sich der narrative Focus im nüchternen Schulbuchton: eine zeitgeschichtliche Übersicht, die in Migrations-Debatten der Gegenwart mündet.

Schon vor sechs Jahren hatte Kulturstaatsminister Naumann die BdV-Chefin mit diesem staatlichen Vorhaben und einer Absprache – vergeblich – zu zügeln versucht: Pläne für ihr Zentrum möge sie zurückstellen, die Ausstellung im „Haus der Geschichte" sollte erst einmal ausgewertet werden; dann erst sei über die Realisierung eines Dokumentations- und Begegnungszentrums nachzudenken.

Erika Steinbachs Antwort war die Gründung ihrer Stiftung, die Realisierung einer großen Erzählung mit dem zaghaften Titel: „Erzwungene Wege“. Im Vorraum der Ausstellung ist zu lesen, man wolle „unterschiedliche Ursachen, Wirkungen und Folgen von Zwangsmigrationen“ dokumentieren. 30 Völker und 80 bis 100 Millionen Menschen seien im Europa des 20. Jahrhunderts davon betroffen gewesen. „Abstrakte Zahlen versperren die Sicht auf das Leiden des einzelnen Menschen.“ Auch hinter relativ geringen Zahlen verberge sich eine „kollektive Katastrophe“.

Im Hauptraum läuft der Besucher über die Umrisse des Kontinents und Länderschemen an gläsernen Text- und Fotowänden entlang, die das europäische Jahrhundert der Vertreibungen dokumentieren. Die Informations-Ästhetik erinnert mit ihrer demonstrativen Emotionsdrosselung an die geläuterte Wehrmachtsausstellung. In den Glaswänden sind allerdings, wie in Vitrinen der Zurückhaltung, einzelne Objekte eingelassen, Zugeständnisse an die Sinneswahrnehmung: die edelsteinbesetzte Mitra eines 1922 durch türkische Vertreiber in Smyrna ermordeten griechisch-orthodoxen Bischofs; eine Büste des nach Westeuropa geflohenen, später in Auschwitz ermordeten Künstlers Felix Nußbaum; auf der Flucht vor der Roten Armee aus einem Zuckersack genähte Babykleidung. In der Mitte des Raumes sind Zeitzeugen verschiedener Opfergruppen an Monitoren zu sehen und zu hören.

Chronologie und Kausalitäten dieser Vertreibungstabelle gehen nicht immer ineinander auf. Die Abfolge wirkt fraglos dramatisch: Armenier (1915/16) und Griechen (1922/23) durch Türken vertrieben. Juden ab 1933 aus Deutschland verjagt. Polen durch Deutsche, Polen durch Ukrainer und Deutsche aus der Ukraine vertrieben. Nach 1945 Bevölkerungsaustausch zwischen Polen und UdSSR. Balten durch Sowjets (1939-49), Deutschbalten durch Nazis umgesiedelt. Deutsche am Ende des II. Weltkriegs vertrieben. Karelier 1939/40 bis 1944 durch Sowjets vertrieben, Italiener durch Jugoslawen am Ende des II. Weltkriegs; Slawen durch faschistische Italiener. Vertreibungen auf Zypern (1963/64 und 1974/75) und in Bosnien-Herzegowina.

In den kleineren Ausstellungsräumen werden auf weiteren Infokuben Themenfelder mit Texten und assoziativen Objekten durchmeditiert. Unter der Rubrik „Erzwungene Wege“ ergibt das ein Sammelsurium an Assoziationen. Die Glocke des versenkten Flüchtlingsschiffes „Wilhelm Gustloff“, Erika Steinbachs Lieblingsobjekt, kam als Leihgabe eines polnischen Fischrestaurants, das sich gewöhnlich mit der am Meeresgrund geborgenen Reliquie schmückt, ins Kronprinzenpalais.

Unter „Lager“ findet sich die systematische Aufschlüsselung in Flüchtlings-, Durchgangs-, Arbeits-, Konzentrations- und Vernichtungslager. Dazwischen die Geige eines lettischen Deportierten, gebaut aus Brettchen und Suppenknochen. Unter „Heimat“ gibt es neben einem Elchgeweih eine Hörstation mit Heimatliedern. „Süßer Kanarienvogel, du hast mir den Verstand genommen“, geht ein griechisches Lied aus Kleinasien. „Eifersüchtiger Vogel, du wirst mir das Leben nehmen, durch deinen süßen Gesang wirst du mich zum Sklaven machen.“ Heimat – als Sehnsucht, Utopie und Obsession.

„Erzwungene Wege“ stellt deutsches Leid pflichtschuldigst in die Zusammenschau, ohne gegenzurechnen. Deutsche als mit rund 15 Millionen größte Vertriebenengruppe beanspruchen nicht mehr Platz als Armenier oder Juden, über letztere wird entschuldigend angemerkt: „Die Darstellung der Ermordung der europäischen Juden ist nicht Thema dieser Ausstellung.“ Die Bonner Ausstellung mag mit Zahlen kritischer umgehen; beide Unternehmungen könnten sich mit ihren Stärken ergänzen.

Am fragwürdigsten bleibt an dieser Präsentation der Stiftung der aufgeladene Name des Zielprojektes: Zentrum gegen Vertreibungen, eine Erfindung Erika Steinbachs. In dieser Formulierung mutieren Museumspädagogik und Forschung zum blauäugigen moralpolitischen Programm. Mobilität und Vertreibungen lassen sich nicht per Ächtung abschaffen, die Grenze zwischen Armuts- und Kriegsmigration ist so einfach nicht zu ziehen. Frau Steinbach, wir haben verstanden, dass Vertreibungen schlecht sind. Es reicht, die Geschichten zu erzählen: noch einmal, mit (ein bisschen mehr) Gefühl.

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