Kultur : Das Jahrhundert der Unordnung

ELISABETH BINDER

Wenn ihm vor zehn Jahren jemand gesagt hätte, daß er einst über Versicherungen forschen würde, dann hätte er sicher gesagt: "Du bist verrückt." Die Geschichte ist schließlich eine humanistische Wissenschaft.Wer je versucht hat, auch nur seine eigenen Versicherungsverträge durchzulesen, weiß die Distanz zu erahnen.Aber nun hat sich der Historiker Gerald D.Feldman, Leiter des "Center for German and European Studies" in Berkeley und zur Zeit Fellow an der American Academy, dann doch dazu verstanden, sich dieser auf Anhieb sehr trockenen Materie zu widmen.Das hatte verschiedene Gründe.Vor allem weiß er durch die Mitarbeit an der Geschichte der Deutschen Bank zwischen 1870 und 1995, welch reichen Lohn auch ein Humanist erhalten kann, wenn er sich erst einmal durch die mühsamen technischen Aspekte der Geldwerte und Anlagen hindurchgequält hat."Was dort an Netzwerken und persönlichen Kontakten bestanden hat, ist schon sehr aufschlußreich."

Aufgewachsen in New York, erlebte der 1937 geborene Feldman am Radio den Zweiten Weltkrieg mit.Seit dieser Zeit interessiert er sich für Geschichte.Zu seinen Studienschwerpunkten zählten am Anfang der Erste Weltkrieg und die Zeit der Inflation.Mit dieser Zeit setzt er sich auch in seinem Opus Magnum auseinander: "The Great Disorder: Politics, Economics and Society in the German Inflation, 1914 - 1924".Aber auch die Zeit, die der großen Unordnung vorangeht, ist ihm vertraut.Gerade erschien seine Biographie des Industriellen Hugo Stinnes.Von den Nachfahren darum gebeten, hatte er dieses Thema dann auch reizvoll gefunden, weil er Zugang zu einem riesigen Nachlaß hatte.

Wenn es um Zugang zu reich bestückten Archiven ging, hat der Professor in seiner Karriere oft großes Glück gehabt, auch während seiner vielen Aufenthalte in Deutschland.Für sein neuestes Projekt wurde er vor allem in Moskau fündig.Während seines Stipendiats will er sich Studien zur Geschichte der Allianz-Versicherung in den 30er Jahren widmen.Als er von diesem Projekt zum ersten Mal hörte, war er 60 Jahre alt und fand den Gedanken erfrischend, etwas Neues zu starten."Außerdem fühlte ich auch als Jude die Verpflichtung, das zu tun." Material gibt es reichlich.Die Russen hatten jene Akten, die den Krieg überdauert hatten, mitgenommen, sich dann aber kaum damit befaßt.Die Beziehungen des Versicherungsunternehmens zu seinen jüdischen Kunden sind dabei nur ein Aspekt.So, wie er es jetzt sieht, war das Verhalten des Unternehmens den Kunden gegenüber sogar korrekt.Einzelfälle interessieren den Forscher aber nicht so sehr, die überläßt er lieber den Rechtsanwälten.Ihm geht es darum, Zusammenhänge auszuleuchten."Wenn es eine moralische Schuld gibt, dann läge die auf der anderen Seite, der Versicherung der den Konzentrationslagern angegliederten Fabriken." Auch darüber geben die Akten Auskunft, Zeugnisse der gnadenlosen Bürokratie jener Zeit.Die Fabriken wurden, wie das so üblich ist, von Angestellten der Versicherungen inspiziert."Das heißt, sie müssen einiges gesehen und für sich behalten haben." Der Anfang des Dritten Reichs interessiert ihn mehr als das Ende: Warum haben sich die Menschen den Nazis so schnell angepaßt? Warum haben sie ihre Sprache benutzt? Die Folgen des Ersten Weltkriegs, Inflation und Depression, wirtschaftliche und moralische Schocks, der bereits herrschende Antisemitismus bildeten die kritische Masse von Zuständen, die so etwas wie das Naziregime überhaupt bewirken konnten.

Feldmans zentrale Fragen lauten heute: "Was haben die Beteiligten eigentlich genau getan?" Und: "Wie hat das funktioniert?" Dem Prozeß der Entmoralisierung, die stattgefunden hat, will er weiter nachgehen.Angst verspürt er, wenn er nach Osten blickt, nach Rußland, dorthin, wo seine Vorfahren 1905 ihre Koffer gepackt haben, um vor den Pogromen in die USA zu fliehen.Dort sieht er die große Instabilität, die sich leicht zur genannten kritischen Masse entwickeln kann.Um so wichtiger herauszufinden, was sie in Bewegung setzen kann.

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