Kultur : Das Jahrtausend neigt sich dem Ende

Eduardo Chirinos

Aber die Jahreszeiten erfüllen sich noch, die Erde dreht sich weiter und die Fische öffnen und schließen ihre Münder wie seit Jahrhunderten. Irgendwo in Indien kämpfen die Tigermännchen unter sich um die Liebe der Tigerweibchen, und in einem nahe liegenden Wald fressen die Kaninchen die gleichen Pflanzen und Wurzeln, die die Erde ernähren. Ich müsste über die Umweltverschmutzung und das Öl sprechen, ich müßte über unsagbare Plagen sprechen, über den Hunger, der ganze Völker ausrottet, über verkrüppelte Kinder dank radioaktiver Wolken. Ich bin jedoch hier, schreibe dieses Gedicht, ermesse seine Wörter, wähle sie mit Liebe und Sorgfalt, mit Wut und Groll. Dann betrachte ich mich im Spiegel und sehe nur Finsternisse, eine schuldige Leere auf dem weißen Blatt Papier.

Ich schreibe dies, weil ich mich einsam fühle. Weil mich die Wörter verlassen haben. Weil sie nicht mehr da sein wird.

Aus dem Spanischen von Juana und Tobias Burghardt

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