Kultur : Das Jenseits in Technicolor

KEVIN CLARKE

Robert Wilson macht am Berliner Hebbel Theater aus Gertrude Steins Theaterstück "Saints and Singing" eine Seifenblase: bunte LuftVON KEVIN CLARKEIn Schwarz und Weiß.Mit Halskrausen und Kutten.Steif und zugeknöpft.Stumm und mit verrückt-verzücktem Lächeln - so sitzen sie da, die zwölf Auserwählten.Zukünftige Heilige unter sich.An einer langen Tafel zum letzten Abendmahl versammelt.Sie wollen den Schritt wagen: hinüber zur anderen Welt, in die ihre Sehnsucht sie zieht.Wie? Indem sie aus einem imaginären Kelch trinken.Und tot zu Boden fallen.Glücklich und zufrieden - denn gleich werden sie auferstehen.Und dann geht es los: die Reise durch Robert Wilsons technicolorales Jenseits."Saints and Singing".Szenen aus dem Leben danach.Frei nach Gertrude Steins gleichnamigem "Play" von 1922.Mit Musik von Hans Peter Kuhn. Als Uraufführung im Berliner Hebbel Theater. Die neue Welt: Alles Schwere, Irdische, Alltägliche ist abgestreift.Aus Schwarz ist endloses Weiß geworden.Die Bühne eine leere Projektionsfläche.Ein kleines Modellhaus steht verloren rum.Leuchtet von innen goldig warm.Weit weg, unerreichbar, zurückgeblieben.Auftritt der zwölf "Heiligen".Plus ihrer ehemaligen Dienerin, die ebenfalls vom Todeselixier gekostet hat.Kutten und Stehkragen sind abgestreift.Man gibt sich paradiesisch sportiv: in weißen Shorts und Trainingshemden (Kostüme: Hans Thiemann).Und beginnt zu singen, zu tanzen und zu musizieren."Saints and singing..." heißt die immer wiederkehrende Ohrwurmfloskel des Abends. Ob in Ballettpose, als Chorus Line oder Pantomimen, herumstehende Statisten oder emsige Dauerläufer: Robert Wilson arrangiert seine Darsteller zu einem Geflecht kunstvoller Konstellationen, Posen und Gesten.Sie bleiben abstrakt, haben teils Symbolcharakter und kehren leitmotivisch immer wieder.Ein großräumiges, detailverliebtes Menschenarrangement.Man sieht es von vorne, von hinten, von links und rechts.Ein Traumzirkus, der schnell das anfängliche reine Himmelweiß mit schillernden Farben ausmalt.Oranges Licht, Blau, Grün, Rot - was auch immer.Wilson ist Licht- und Raumkünstler, der seine Szenen erlesen bunt ausleuchtet und ausstellt (zusammen mit A.J.Weissbard und Judith Haase).Das sieht als Momentaufnahme grandios aus.Immer wieder fallen Wilson amüsante Überraschungen ein, mit denen er die zeremoniösen Arrangements kurzzeitig spannend macht.Dennoch sieht man sich an der Bilderflut schnell satt.Sie trägt sich nur bedingt selbst, da sie nicht zielgerichtet ist.Und endlos weitergehen könnte.In aeternam, Domine.Gäbe es nicht den Text des "Plays", der als Vorlage irgendwann einfach zu Ende ist. Wilson hat bekanntermaßen eine große Affinität zu Gertrude Stein und setzte ihre Werke bereits mehrfach in Szene.So wie er seine Bilder und Bewegungen zu inhaltslosen Artefakten modelliert, so spielt Gertrude Stein mit Sprache.Sie fügt, frei assoziierend, Worte und Laute aneinander.Eine Handlung gibt es nicht.Im Fall von "Saints and Singing" nicht einmal Charaktere.Das dreiaktige Stück fließt wie ein zäher Monolog dahin.Wer hier spricht, bleibt unklar.Es fallen zwar immer wieder Namen, doch die sind unkonkret, unfaßbar.Ein Text, der schwer darzustellen ist.Wilson verteilt ihn auf die Schauspieler und läßt ihn als vielschichtiges Ensemble rezitieren.Das entspricht einerseits der inhärenten Musikalität der Steinschen Sprache.Andererseits versteht man aber, bis auf wenige wiederkehrende Schlagzeilen kaum ein Wort.Denn die Schauspieler der Ernst Busch Hochschule sowie Absolventen der Theaterschule Giorgio Strehlers in Mailand sind zwar begabte Darsteller, die Wilsons Visionen präzise und gekonnt umzusetzen verstehen, aber keine native speakers.Ausgerechnet Gertrude Steins Sprachwitze und Wortspiele von Menschen aufführen zu lassen, die des Englischen nur bedingt mächtig sind, mutet grotesk an.Und macht die Vorlage, über den für Wilson rein "inspiratorischen" Aspekt hinaus, beliebig, fast austauschbar.Wozu Stein, wenn man ihre Worte als Zuhörer nur erahnen kann? In der letzten Szene nach Steins Stücks kommen die Heiligen in einer Art Schule zusammen.Haben abermals Schwarz, wie ganz am Anfang, angelegt, geben sich erneut züchtig.Auch im Himmel, am Ende einer langen Wilsonschen Traumreise, können sie ihre irdischen Gewohnheiten nicht abstreifen.Alles wieder beim Alten? Wie im Anfang so am Ende? Der Anführer der Gruppe, mit einem oberlehrerhaften Rohrstock in der Hand, sagt zu seinen Schülern wie zum Publikum: "This is the end of the play.Saints and singing which had a good beginning and now has a very good ending." Schluß? Die letzten Worte im Steinschen Original lauten: "Do not repeat yourself." Keine Wiederholung, bitte! Wilson fügt der Vorlage eine Szene an, so wie er Anfangs eine Pantomime vorangestellt hat.Die Heiligen beginnen eine neue Reise.Diesmal nicht als lichte Himmelswesen in schwerelosen Räumen, sondern als Frösche.Doch selbst in dieser tierischen Reinkarnation finden sie hüpfend zur Chorus Line zurück.Und wieder geht es los: "Saints and singing..." zu Hans Peter Kuhns hübschen Melodien, die irgendwo zwischen Calypso, Broadway und "Lili Marleen" pendeln.Es begleiten ein Drei-Mann-Orchester sowie die Instrumente, welche die Schauspieler selbst spielen.Also: Der ganze Zirkus könnte im Schilf abermals beginnen.Reptilien als Heilige. "Wiederhole dich nicht!" Steins Schlußworte lasten schwer auf dieser Uraufführung.Man hat die Wilson-Bilder alle so oder ähnlich schon gesehen.Sie sind schön, exotisch, enigmatisch.Aber sie genügen sich selbst.Berühren nicht, da sie nichts erzählen, das nahe gehen könnte.Das mag in Verbindung mit Opern oder Theaterstücken, die ohnehin schon eine Handlung haben, einen eindrucksvollen Kontrast ergeben.In Kombination mit Steins hier kaum verständlichem Text wird daraus eine Seifenblase - neunzig Minuten lang.

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