Kultur : Das jüngste Feuergericht

Rüdiger Schaper

Was haben Stefan Effenberg und Thomas Ostermeier gemeinsam? Der Münchner Fußballer scheint am Ende seiner Karriere zu sein, der Berliner Regisseur hat noch viel vor sich. Und abgesehen davon, dass sie etwa gleichaltrig sind, beschäftigen sich beide gern mit Arbeitslosen. Und zwar auf eher unkonventionelle Weise: In der deutschsprachigen Erstaufführung von Richard Dressers "Goldenen Zeiten" zelebriert Ostermeier eine aufwändige schwarze Trash-Komödie mit viel Action, Video, Pop-Musik und Fernsehparodie. So ähnlich nett hat er auch schon zu Beginn der Spielzeit Biljana Srbljanovics "Supermarket" zugerichtet.

Die Schaubühne als superteure Second-Hand-Boutique: Das Stück des Amerikaners um eine Handvoll Underdogs, die in ihrer Müllkippe von Eigenheim die allerletzten Reste des american dream auskotzen, erinnert heftig an die Dramen von Sam Shepard. Auch dort, in "The Unseen Hand" zum Beispiel, hört ein armer Spinner außerirdische Stimmen, leben zugedröhnte Coxboys in Autowracks und träumen von der Wiederkehr eines gütigen Gottes, der erstmal die materiellen Probleme in Ordnung bringt. "Goldene Zeiten" ist ein epigonaler Kleinstadt-Western, und die brave Schaubühnen-Produktion grenzt an ein Volksbühnen-Imitat. Diese Schmuddelküche, dieser Wohncontainer, der mit Hydraulik aufgeklappt und gekippt wird (Bühne: Jan Pappelbaum), dieses Wechselspiel von Dialog und Rockmusik-Einlagen (hier: Led Zeppelins "Stairway To Heaven, Elvis und Radiohead) kennt man aus Frank Castorfs "Endstation Amerika", bloß um Klassen komischer, trauriger, radikaler. Copyright Diedrich Diederichsen und Carl Hegemann: An der Volksbühne läuft das unter dem Motto "Kapitalismus und Depression".

Jedoch, die Schauspieler scheinen sich pudelwohl zu fühlen. Bruno Cathomas ist aus Basel nach Berlin zurückgekehrt, man sieht ihn immer gern. Er spielt Arnie, einen gutmütigen Typen, mit dem man alles machen kann - so etwas wie der ruhende Pol in den Wogen des forcierten Wahnsinns. Es gibt auch ein Wiedersehen mit Matthias Matschke, der wie Cathomas die Volksbühne verließ, als es dort vielleicht gerade am schönsten war. Matschke macht den betrogenen Kleinbetrüger Phil, einen Paranoiden, der seinen Vertreterramsch mit vorgehaltener Pistole an die Hausfrau zu bringen versucht und wie ein Getriebener das Tanzbein schwingt. Leider zeigen die beiden Recken ihre bekannten Paradenummern. Ostermeier genügen diese Chargen. Komik und Härte sind bei ihm ein Widerspruch. Auf der Bühne wird mit Streichhölzern gespielt, Feuer brennt nur im Video.

Achja, die Frauen: Das Duo Anne Tismer und Jule Böwe tröstet einen noch über all die flachen, aufgesetzten Turbulenzen hinweg. Weil sich diese nöligen Mädels noch im schlimmsten Elend einen unerschütterlichen Glauben an das Gute bewahren - im Mann zum Beispiel. Jule Böwe alias Crysztal, die Ofenspray schnüffelt, hält treu zu ihrem militanten Klinkenputzer, und Anne Tismers Faye, als Cowgirl aufgebrezelt, schleppt einen Kerl mit einer genialen, brandheißen Geschäftsidee an, der sich Bill nennt - Lars Eidinger als echter Kudamm-Boulevard-Macho. Fayes Ehemann Ray ist der mit den Visionen - Mark Waschke als biederer Hippie. Die Menage komplettiert Charly, ein schweigsamer Transvestit. Robert Beyer ist das schmerzenreiche Kind dieser Patchwork-Family; solche gemütlichen Verhältnisse haben Thomas Ostermeier und seinDramaturg, der Hausdramatiker Marius von Mayenburg ("Feuergesicht"!) ja am liebsten.

Bill organisiert das Abfackeln von Autos, wegen der Versicherungssumme. Und bald gehen Häuser, Straßenzüge, die ganze Stadt in Flammen auf. Das System implodiert, noch im Untergang profitabel. Es gibt keine Arbeit mehr, also brennen wir den ganzen Plunder nieder - und kassieren. Wie schade, dass Kultursenator Flierl nicht in der Premiere war. Er hätte die Lösung für Berlins Theaterfinanzierung gefunden. Heißer Abriss, so nennt man das in der Immobilien- und Versicherungsbranche.

0 Kommentare

Neuester Kommentar