Kultur : Das kalte Feuer

Yair Levs Porträt eines umstrittenen Pazifisten: „Uri Avnery – Kämpfer für den Frieden

Kerstin Decker

Man kann diesen Mann nicht erklären, man muss ihn sehen. Und dann kann man es noch mal versuchen. Vielleicht. Uri Avnery aus Israel vereint das Unvereinbare. Er ist ein lebendiges Paradox.

Was denkt, wie fühlt, wie handelt ein Linker? Man glaubt das irgendwie zu wissen. Und hat fast immer Recht. Aber ein Linker, der eine, nunja, Boulevardzeitung gründet? Und den Sensationsjournalismus in Israel erfindet? Ein Linker, der in der deutschen Marschmusik die Revolution des abendlichen Gehens entdeckt? Und: Avnery ist nicht nur links, Uri Avnery ist Jude.

Ja und, würde Avnery wohl fragen, macht das die deutsche Marschmusik etwa schlechter? Linke, weiß man, sind im allgemeinen sehr kommunikativ. Avnery nicht unbedingt. Wenn seine Frau sich beklagt, nach langen Jahrzehnten tiefster Gemeinsamkeit, dass er ihr noch nie, nicht ein einziges Mal gesagt hat, dass er sie liebt, dann antwortet dieser Mann ohne einen zusätzlichen Lidschlag und mit frostigstem Kühlschrankklirren: Ich hasse es, Blödsinn zu reden.

Dabei glauben viele in Israel genau das. Dass Uri Avnery Blödsinn redet. Und das schon seit 50 Jahren. Vielleicht klingt Avnery ihnen seit vorgestern, seit dem jüngsten Anschlag in einem Linienbus in Jerusalem, noch blödsinniger. Überhaupt: Frieden, sieht er denn nicht, schon seit 50 Jahren, dass Frieden unmöglich ist?

Uri Avnery ist doch ein großer Kommunikator. Denn dieses eine Thema bringt den strengen, kargen Mann zu allerhöchster Beredsamkeit. Der Titel des Dokumentarfilms von Yair Lev sagt es mit Holzhammerlettern: „Uri Avnery – Kämpfer für den Frieden“. Aber stimmt denn das? Ein Kämpfer war Avnery wirklich, früher, als er noch im Untergrund gegen die Briten für einen israelischen Staat stritt. Als er dann zum Volkshelden wurde nach 1948 – als Soldat und Journalist. Bis er irgendwann begriff, dass wirklicher Frieden niemals das Ergebnis von Kampf sein kann, sondern sein Gegenteil.

Das Bild des Pazifisten hat sich unmerklich gewandelt in jüngster Zeit. Schleichende Hirnerweichung, befällt auch kluge Köpfe, lautet die Diagnose. Die bellizistische Logik ist zurückgekehrt in die Alltäglichkeit des Denkens. Denn nach der praktischen Seite Aktion-Reaktion ist sie allemal überzeugender. Klingt Avnery dagegen nicht wie ein Lyriker? „Frieden verkleinert ein Land nicht, Frieden vergrößert es“, erklärte er schon vor der Knesseth, als Staatschef Begin noch von „zweibeinigen Bestien“ sprach, und er musste das nicht mal übersetzen: Jeder wusste, die Rede war von den Palästinensern. Wie sollte man „die“ denn nennen? Uri Anery war der erste, der vom „palästinensischen Volk“ sprach. Es war ein langer Weg, sogar zu diesen zwei Wörtern. Und was, wenn das Heillose darin liegt, dass man nur den einstigen Kämpfer Avnery verehrt hatte und den Friedens-Denker (nicht Friedens-Träumer) still verachtete? Wenn man ihn nicht gerade offen hasste: dafür zum Beispiel, dass er sich vor vielen Jahren, während des Libanon-Krieges, als erster Israeli mit Arafat traf, mitten in Beirut.

Aber Yair Levs Film ist viel verhaltener; er will niemanden durch Kommentare überzeugen, wie man es dem Titel nach vermuten könnte. Er vertraut Avnery. Er schaut zurück in dessen Leben, und das ist zugleich der Blick zurück in die Geschichte Israels. Eine Überblendung von gestern und heute. Vielleicht ist die Schlüsselszene diese gemeinsame Rückkehr der alten Kämpfer an die Stelle, wo sie vor über 50 Jahren die Grenze Israels errichteten. Wir schossen auf alles, was sich bewegte, Frauen, Kinder, ganz egal, sagt einer. Hat er Schuldgefühle? Nein, antwortet er, es gab keine andere Möglichkeit. Entweder wir oder die. Wie heute immer noch?

Vor zwei Jahren erhielten Uri Avnery und seine Frau den alternativen Nobelpreis in Stockholm. Kein offizieller Vertreter Israels war anwesend.

Bis Sonnabend im Eiszeit, Montag/Dienstag im Babylon, ab 28. August in der Brotfabrik

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