Kultur : "Das kann doch nicht alles gewesen sein"

Herr Jacobs[gerade hat die Berliner Staatsoper Ih]

Die Staatsoper sagt ihre Pläne mit René Jacobs ab und stellt Berlins erfolgreichstes Opernprojekt in Frage.

Aus dem Berliner Opernleben ragen sie seit Jahren nahezu als einzige Highlights von internationaler Ausstrahlungskraft heraus: Die Barockopern-Produktionen der Staatsoper Unter den Linden unter der künstlerischen Leitung von René Jacobs. Seit der ersten Produktion, der Graun-Oper "Cesare e Cleopatra", im Jahr 1992 ist es Jacobs gelungen, an der Lindenoper als einzigem Opernhaus der Welt ein regelmäßiges Barock-Repertoire zu etablieren und den ungeteilten Beifall sowohl der Presse wie des Publikums zu finden. Jetzt hat die Lindenoper ausgerechnet diese kontinuierliche Arbeit in Frage gestellt und alle weiteren Projekte mit Jacobs von der nächsten Spielzeit an abgesagt. Mit René Jacobs sprach Jörg Königsdorf.

Herr Jacobs, gerade hat die Berliner Staatsoper Ihnen sämtliche geplanten Alte-Musik-Produktionen von der nächsten Spielzeit an abgesagt. Macht Ihre Tätigkeit Unter den Linden dann überhaupt noch Sinn?

Ich weiß es nicht. Auf dem Papier bin ich bis 2001 als künstlerischer Berater engagiert, aber in welchen Dingen soll ich dann noch beraten?

Welche Projekte hatten Sie für die nächsten Spielzeiten geplant?

Die Absagen betreffen vor allem den Zyklus der Opern Claudio Monteverdis, den ich als eine Art Alte-Musik-Ring konzipiert hatte. Die vier Teile sollten einzeln vorproduziert werden und dann im Jahr 2002 zusammen innerhalb einer Woche gezeigt werden. Das wäre ein Unternehmen gewesen, das weltweit Aufsehen erregt hätte, so wie der jetzt schon legendäre Monteverdi-Zyklus von Ponnelle und Harnoncourt in Zürich.

Aber kann man es der Staatsoper nicht verdenken, dass sie angesichts ihres Millionen-Defizits alle kostspieligen Projekte absagt?

Das Kostenargument wird immer vorgeschoben. In Wahrheit wäre dieser Monteverdi-Ring aber gar nicht teuer geworden. Denn unser Konzept war es, die vier Teile als Jahreszeiten-Zyklus in einem Bühnenbild zu spielen. Außerdem hatte ich schon für drei der vier Teile selber Koproduzenten angeschleppt: Den "Orfeo" hätte Innsbruck gemacht, die szenische "Marienvesper" Brüssel, und für den "Ulisse" stehe ich mit Lyon in engen Gesprächen. Allein die "Krönung der Poppea" wäre an der Staatsoper hängen geblieben. Aber diese Angebote wurden an der Staatsoper gar nicht ernsthaft studiert.

Bedeutet die Absage der Staatsoper, dass das ganze Projekt gefährdet ist?

Ich hoffe nicht. Interessenten für eine Übernahme gibt es weltweit. Nächste Woche werde ich beispielsweise mit dem New Yorker Lincoln-Center verhandeln. Doch Berlin sollte die Basis und Krönung des Ganzen werden.

Kann es denn sein, dass nicht nur finanzielle Gründe für die Reaktion des Staatsopern-Intendanten Georg Quander verantwortlich sind?

Das Dauerargument ist ja immer, dass die Kosten für Barockopern so hoch seien, weil man dafür Spezialensembles engagieren müsse. Aber es macht natürlich keinen Sinn, nur diesen isolierten Budgetposten zu betrachten. Bei einer Wagner-Oper sind ja zum Beispiel die Sängergagen viel höher. Und mein Monteverdi-Projekt hätte ich weitgehend aus dem Staatsopern-Ensemble besetzen können und wollen. Dass die festangestellten Sänger keinen Vergleich zu scheuen brauchen, hat gerade erst meine letzte Berliner Premiere, Keisers "Croesus" im Februar dieses Jahres, bewiesen. Aber es gibt am Haus eine klare Hierarchie, die ich wohl respektieren muss.

Das heißt, Ihre Produktionen werden von den Premieren Daniel Barenboims verdrängt. Müsste da nicht eine Abstimmung stattfinden? Schließlich ist Barenboim künstlerischer Leiter des gesamten Hauses.

Leider bin ich nie eingeladen worden, einmal mit Barenboim zu sprechen oder ihn in Bezug auf das vorklassische Repertoire zu beraten. Gesprochen habe ich immer nur mit Georg Quander. Und der hat - anders als andere Intendanten - das Risiko, das diese Produktionen in der Vergangenheit darstellten, nicht gescheut und sich oft gerade für die unbekanntesten Opern entschieden.

Inzwischen hat er seine Meinung aber offenbar geändert. Die geplante Wiederaufnahme der Wernicke-Inszenierung von Cavallis "Calisto" war ja das erste, was dem Rotstift geopfert wurde.

Ja, obwohl sie ein jetzt schon legendärer Publikumsrenner war und man seinerzeit für die Übernahme der Produktion aus Brüssel extra ein neues Bühnenbild gebaut hatte. So ist das Stück überhaupt nur fünf Mal in Berlin gelaufen. Das kann doch unmöglich alles gewesen sein. Und was das Beraten betrifft: Ich wurde ja nicht einmal gefragt, wenn Alte-Musik-Produktionen mit anderen Dirigenten konzipiert wurden.

Warum haben Sie es dann überhaupt so lange ausgehalten? Sie sind schließlich schon sieben Jahre an der Staatsoper.

Aus Liebe zu den Sängern, zur Oper, zu den wunderbaren Barockorchestern in dieser Stadt. Denn man darf nicht vergessen: Was ich hier an der Staatsoper verwirklichen konnte, war und ist einmalig in der Welt. Barockes Repertoire an einem festen Opernhaus und nicht nur bei Festspielen, das ist immer noch ein Zukunftsmodell und zwar eines, bei dem die Staatsoper höchste Maßstäbe gesetzt hat. Stücke wie der "Croesus" oder die "Calisto" haben international Anerkennung bekommen, und in den letzten Jahren ist es uns gelungen, ein ganz neues Publikum für Alte Musik zu interessieren. Und zwar eins, das sonst vielleicht nicht von selbst in die Oper geht. Und deshalb hoffe ich auch noch.René Jacobs ist künstlerischer Berater an der Berliner Staatsoper

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