Kultur : Das Kapital der Karpaten

Wo liegt Rumänien? Eine Europa-Diskussion in Potsdam

Thomas Lackmann

Das Land sitzt mit Bulgarien auf dem EU-Wartebänkchen. Es liegt wohl, so dachte sie bis gestern, irgendwo in der Walachei, gesteht eine Frau aus dem Publikum. Die (Ex-)Rumänen auf dem Podium im Potsdamer Alten Rathaus wissen das besser. Rumänien nach Europa bringen? Ein Unding, sagt Robert Schwartz, der in Siebenbürgen geborene Moderator, es gehöre zu Europa. Dass sich mit den zwei Kandidaten der übernächsten Beitrittsrunde erstmals Länder, die durch ein slawisch-orthodoxes Christentum geprägt wurden, der abendländisch dominierten EU anschließen wollen, ist kein Fokus dieser Veranstaltung. Die Podiumsrunde behandelt „deutsche Spuren“ hinter den Karpaten. Die tönende Kernfrage stellt das Deutsche Kulturforum östliches Europa: „Historisches Erbe – Kapital für die Zukunft?“

20 ethnische Minderheiten sind heute im Bukarester Parlament vertreten. Größte Minorität sind die Ungarn; Deutsche (heute 60000) und Juden (5000) zählten vor dem Ersten Weltkrieg noch jeweils 750000. Das deutsche Erbe besteht aus sechs Einwanderungsgeschichten vom 12. bis zum 19. Jahrhundert, von den Siebenbürger Sachsen, Banater Schwaben, österreichischen Protestanten, Buchenland- und Bessarabien- bis zu Banater Bergland-Deutschen und deren diversen Konfessionen. Noch gebe es dicht an dicht Zeugen dieser „gebauten Vergangenheit“, sagt der UNESCO-Denkmalpfleger Christoph Machat: „eine unendliche Aufgabe“.

Die Schriftstellerin Herta Müller sieht das anders. „Spuren sind Dinge, die nicht aus sich selber leben“, sagt sie. Die Auswanderung einer Minderheit sei „keine Katastrophe“, die seien ja nicht „in den Tod gegangen.“ Niemand habe hier konservatorische Verpflichtungen, „die Rumänen sollen rumänisch leben“. Doch gerade Rumänen, berichtet der Sozialwissenschaftler Axel Azzola, nutzen die deutschen Institutionen. „Ein Bach-ChorKonzert, wie ich es dort sah, stellen Sie nicht auf die Beine!“ An einem Gymnasium bezeichnen sich 30 Kinder als deutsch und 60 als „lutherischen Glaubens, Augsburger Bekenntnis“ – die Konfession der Siebenbürger Sachsen. „Es entsteht Neues, was mit dem Alten wenig zu tun hat.“ Das Überlieferte werde von neuen Schichten „inkorporiert“.

Rumänen nutzen ein Deutschtum ohne Deutsche als Ticket in die Zukunft. Dank deutscher Investoren ist das Banat die Region mit der geringsten Arbeitslosigkeit. Auch die Funktion des Goethe-Instituts (das gerade seinen Bukarester Sitz erworben hat, also zu bleiben gedenkt) wird an diesem Abend gerühmt; dort fand die einzige Veranstaltung zur Schließung der rumänischen „Gauck-Behörde“ statt! Demokratie müsse in diesem Land erst gelernt werden, sagt Herta Müller. Und jeder Professor, jeder Student aus dem Ausland bringe davon etwas herein. Nur was umgekehrt Europa von der Walachei lernen könnte, erfahren wir an diesem Abend nicht.

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