• Das Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie startet mit netzbasierten Installationen ins Jahr 2000

Kultur : Das Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie startet mit netzbasierten Installationen ins Jahr 2000

Carmela Thiele

"Net-condition ist die größte Anstrengung, die je gemacht wurde, um der Netzbewegung eine institutionelle Basis zu geben", sagt Peter Weibel. Net-condition, Netz-Bedingung ist der Titel der ersten Ausstellung am Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM), die der Österreicher in seiner Funktion als ZKM-Chef selbst initiiert hat. Sechzig Künstler hatten über dreieinhalb Monate Gelegenheit, ihre Arbeit im Rahmen einer Schau mit rund zehn netzbasierten Installationen und zahlreichen Veranstaltungen zu zeigen.

Im Zentrum der riesigen Halle liegt die Lounge, ein Ort der Kommunikation, kuratiert von ZKM-Online-Mitarbeiter Walter van der Cruijsen. Hier zeigen vor allem politisch engagierte Medialabs abwechselnd vor Ort ihre Arbeit. Das Critical Art Ensemble etwa beschäftigt sich mit der parallelen Entwicklung von Biotechnologie und Informationsgesellschaft. Das an der Schnittstelle von Kunst und Öffentlichkeit arbeitende Institute for Applied Autonomy hat einen Roboter entwickelt, der Graffiti auf den Boden sprüht, die Besucher diskret in den Computer eingeben können. Und auch das Old Boys Network, eine Gruppe von Cyberfeministinnen, wird in der Lounge zu Gast sein. Die netcommunity beschäftigt sich auch mit gesellschaftlichen Fragen. Denn, so Peter Weibel, das Netz sei der Motor einer radikalen ökonomischen, sozialen und kulturellen Umwälzung. Deshalb auch sein Untertitel: "Kunst/Politik im Online-Universum".

Das ZKM steuert auf neuem Kurs: Weg von der Kunst, hin zur Werkstatt für mediale Experimente. Deshalb sind viele Künstler involviert, die sich gesellschaftskritisch oder netzkritisch äußern. Blank & Jeron zum Beispiel führen mit "re-m@il" die Vorstellung schneller Kommunikation ad absurdum, denn jede mail, die losgeschickt wird, kommt wieder zurück. Und Mark Napier bietet ein Programm zur Entsorgung von altem Datenmüll an. Wie in der zeitgenössischen bildenden Kunst auch überwiegen die konzeptuell-politischen Ansätze, aber es gibt auch narrative Arbeiten und spielerische Programme.

Die Netzbewegung liegt im Trend. Ihre Globalität verspricht Zukunft. Es gibt aber auch Skeptiker. Einer sitzt im ZKM. Johannes Goebel, der Leiter des Instituts für Musik und Akustik, richtete als Beitrag seiner Abteilung einen Raum ein, der als kritischer Kommentar gelesen werden kann. Originalgetreu ließ er etwa ein Wohnzimmer der fünfziger Jahre nachbauen, dessen Zentrum der Radioschrank "Rheingold" bildet. Wer jedoch an dem Knopf dreht, empfängt Sender, die digital per Internet senden. Goebel kam zu dem Schluß, "dass sich bei der Musikproduktion und ihren Inhalten so schrecklich viel noch nicht verändert hat", sondern hauptsächlich in der Distribution wie bei Radiostationen, die ins Internet gehen, und bei "CD on demand". Dennoch gab er den "net-musicians" Raum und beauftragte den in Berlin lebenden Musikwissenschaftler Golo Föllmer, Beispiele für interaktive Musikprogramme zusammenzustellen.

Peter Weibel zeigt in Karlsruhe einen Überblick über die Geschichte der Netzkunst, sagt aber, daß man nicht zu früh beginnen sollte, eine Bewegung, die am Anfang stehe, zu musealisieren. Ob dem durch "net-condition" Vorschub geleistet wird? Klar ist, dass die Ausstellung erstmals einer breiteren Öffentlichkeit die Chance gibt, sich über die netcommunity zu informieren. Wer will, auch "disloziert", von Berlin aus unter: www.zkm.de.

0 Kommentare

Neuester Kommentar