Kultur : Das kastrierte Buch

FRANK NOACK

Kaum jemand würde auf die Idee kommen, Filmhistoriker zu den Gewinnern der deutschen Einheit zu rechnen: Spekulanten sind sie nicht.Andererseits kann es kein Zufall sein, daß gerade in den letzten zehn Jahren außergewöhnliche filmhistorische Werke erschienen sind.Mag der 100.Geburtstag des Mediums Film den Anlaß geliefert haben, die Öffnung bisher unzugänglicher Archive war ebenso ausschlaggebend.Immer mehr Verlage setzen sich für Filmliteratur ein.Jetzt kommt ein 808-Seiten-Wälzer auf den Markt, der offenbar so viele Fragen aufwirft, daß der Verlag J.B.Metzler zu einer Podiumsdiskussion ins Zeughaus-Kino geladen hat.Die "Geschichte des internationalen Films" ist eine Übersetzung der "Oxford History of World Cinema".Hans-Michael Bock, der an dem Projekt beteiligt war, suchte gemeinsam mit Hans Helmut Prinzler, Claudia Lenssen, Rainer Rother und dem Regisseur Jan Schütte nach Antworten auf Fragen wie: Welcher Ansatz ist der beste? Soll das Buch personenbezogen sein oder einen soziologischen Ansatz haben? Besteht überhaupt ein Bedarf? Ist es nicht so, daß der Kenner ohnehin schon alles weiß und der Laie sich für solch ein Buch gar nicht erst interessiert?

Hans Helmut Prinzler wußte von Filmstudenten zu berichten, die noch nie den Namen Fritz Lang gehört haben, ein Nachschlagewerk sei also dringend nötig.Aber die "Geschichte des internationalen Films" sei gerade nicht personenbezogen, beklagte sich Claudia Lenssen, und es seien vor allem biographische Hinweise, nach denen Studenten suchten.In der Originalfassung hat es sie noch gegeben, aus Kostengründen mußten sie gestrichen werden; es handle sich um ein "kastriertes Buch", räumte Prinzler ein, und selbst so sei es mit 78 Mark noch äußerst kostspielig.Selbst wenn alle 3000 Exemplare verkauft werden, dürfte man keinen großen Profit erwarten.

Der Zweck der Veranstaltung bestand nicht darin, über dieses spezielle Buch zu sprechen, das ohnehin bisher kaum jemand gelesen hat, sondern über Filmgeschichtsschreibung allgemein.Diese koppele sich zu sehr von anderen Wissenschaften ab, klagte Jan Schütte; wie er offen zugab, konnte er vielen Diskussionsbeiträgen gar nicht mehr folgen.Claudia Lenssen betonte, ihre Generation habe sich an Walter Benjamin orientiert - kein Wunder, daß es mit der breiten Leserschaft nicht klappt.Zwei Fragen wurden leider nicht gestellt: warum sich Autoren hierzulande immer noch so streng in Akademiker und Journalisten einteilen lassen, was in England oder den USA nicht üblich ist.Und warum ein Buch, das ohnehin nur als Einführung dienen soll, unbedingt 808 Seiten haben muß.Der Carl Hanser Verlag hat 1975 ein "Lexikon des internationalen Films" herausgebracht, das kürzer, benutzerfreundlicher und - billiger war, für den Verlag wie für den Leser.

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