Kultur : Das Khuza-Volk: Die Ausstellung im Gropius-Bau - ein Fall von Borderline-Archäologie?

Bernd Matthies/Adelheid Müller-Lissner

Im Grunde waren die sibirischen Khuza eine Art prähistorische West-Berliner. Auch sie litten unter dem traumatischen "Verlust der Mitte" ihrer kleinen, vermeintlich ringförmigen Welt, und sie zeigten die gleichen Symptome: Melancholie, Flucht in den Suff, ewiges Mäkeln und Jammern. Khuza-Schamanen errichteten sogar eine Mauer, wenn einer der Ihren in einer gefährlichen "Autoirritationskrise" steckte. Dennoch leisteten die Bewohner der Insel Olkhon im Baikalsee Erstaunliches für den Fortschritt der Zivilisation. Sie erfanden die Rechenmaschine, sie benutzten als Erste Kompass und Atlanten, und sie haben wohl auch die erste Straße gebaut - nahe liegend, denn sie mussten doch ständig fürchten, von ihrer ringförmigen Welt ins Nichts zu stürzen wie der Lachs vom Bagel.

Ja, wenn die mäkelnden Sibirier nicht im 12. Jahrhundert ausgestorben wären, dann würden sie noch heute perfekt nach Berlin passen. Insofern sind sie das ideale Thema für die Ausstellung "Sieben Hügel" im Martin-Gropius-Bau, die teuerste Schau, die die Stadt je gesehen hat. Unglücklicherweise hielten die Ausstellungsmacher von Anbeginn die Fiktion aufrecht, es habe die Khuza wirklich gegeben, und sie präsentierten den staunenden Besuchern ohne Warnung seltsame Fundstücke wie "Taschenmenhire" und Ringreliefs, die die scheibenförmige Welt mit dem Loch in der Mitte symbolisieren sollten. Die als Aktionskunst mit wissenschaftssatirischem Einschlag konzipierte Eulenspiegelei des Karlsruher Künstlers Klaus Heid konnte so ein erstaunliches Eigenleben entwickeln. Ist Heid am Ende ein skrupelloser Borderline-Archäologe, ein Tom Kummer der Wissenschaft?

Dagegen spricht, dass er sich nie Mühe gegeben hat, den schönen Schwachsinn seiner Entdeckungen geheim zu halten. Im Gegenteil: Die Website des Künstlers ( www.tuareg.de/khuza ) gibt einen Überblick über die Erschaffung des Khuza-Universums, die offenbar 1992 mit einer Reise zum Baikalsee begann und 1996 mit einer Ausstellung in Singen einem ersten Höhepunkt zustrebte. Ein Jahr später präsentierte der Heidelberger Kunstverein die mystischen Funde im Rahmen eines multimedialen Projekts, dessen offenbar enthusiasmierte Besucher ein haarsträubendes Kreuzworträtsel über ringförmige Kultgegenstände ausfüllen durften. Die Gewinner trafen sich mit Heid in dessen Karlsruher Wohnung zum sibirischen Abendessen - Gurkensalat, russische Eier, Rindfleisch mit Buchweizengrütze, Tee mit Wodka -, und das Protokoll des Abends notiert akkurat: "Der Abend endete in bester Stimmung um 0 Uhr 30."

Auch vor vollhohlem Pathos schreckt der Künstler auf seiner Webseite nicht zurück: "Die Khuza-Kultur gibt uns entscheidende Anhaltspunkte zur Beantwortung jener drängenden Fragen, wer wir sind und woher wir kommen." Große Worte, die er im Woody-Allen-Ton flugs wieder abstürzen lässt: "Unwägbarkeiten des Lebens wie Tod, Unwetter und schlechtes Essen" werden als Grund für den sprichwörtlichen Missmut der Khuza genannt, der zusammen mit der Sauferei und der Überfischung des Baikalsees schließlich ihren Untergang einleitete: "Das Versiegen des Ölfischs, der wichtigsten Energiequelle Sibiriens und der Mongolei, löste die erste uns bekannte Energiekrise der Menschheit aus."

Das Heiratsritual des Volkes aus der Jungsteinzeit bestand angeblich darin, dass sich die Männer in "Kreislaufschuhen mit seitlich abgeschrägter Trittfläche" ringförmig, die Frauen dagegen auf planer Sohle linear bewegten: "Kam es dabei zu einer Kollision zwischen einem Mann und einer Frau, so galten beide als verheiratet." Diese an den Haaren der Braut herbeigezogenen Ethno-Possen feiert Heid als Ergebnis einer Methode, die er "suggesto-fiktiv" nennt. Nur so sei es möglich gewesen, in zehn Tagen am Baikalsee so viel Material zu finden.

In der Berliner Ausstellung tritt der höhere Blödsinn nicht so auffällig zu Tage, zumal die seltsamen Fundstücke Heids inmitten unverdächtiger Exponate zum Thema "Glauben" aus Islam, Hinduismus und Buddhismus stehen. Kein Wunder, dass erst langsam Misstrauen keimte: Der Münchener Sibirien-Experte Hans-Joachim Papproth, von einem Redakteur der "Süddeutschen Zeitung" befragt, machte klar, dass er noch nie von der sagenumwobenen Kultur vom Baikalsee gehört hat. Nicht zuletzt die Sache mit der Mitte verwies Heids Pseudo-Archäologie definitiv ins Reich der Kunst zurück. Denn den "Verlust der Mitte" hat der Kunstkritiker Hans Sedlmayr 1947 in einem Buch entdeckt, dessen Titel in der Kunstszene zeitweise zum geflügelten Wort wurde.

Aber wie geriet die Mini-Installation zwischen die seriösen Ausstellungsstücke zu den großen Weltreligionen? Handelten die Ausstellungsmacher ausgerechnet beim "Glauben" im guten Glauben? Die "Süddeutsche Zeitung" zieht verständlicherweise eine Parallele zu den fingiertem Kummer-Interviews im eigenen Magazin. Der Kurator der Ausstellung, Gereon Sievernich, spielt mit und behauptet auf SZ-Fragen, "das ist alles echt". Doch die wissenschaftliche Leiterin der Abteilung "Glauben", die Historikerin und Judaistin Eva-Maria Thimme, redet Klartext: Die Khuza-Kultur sei bewusst in die Ausstellung integriert worden, um die Abteilung Glauben ein wenig "gegen den Strich zu bürsten", sagte sie gegenüber dem Tagesspiegel; ursprünglich habe man sogar "in jede Abteilung ein Fake" einschmuggeln wollen; doch die anderen sechs Hügel blieben schwindelfrei.

Der Zweck der schlitzohrigen Inszenierung: Man habe die fiktive Religion bewusst in außereuropäische Nachbarschaft gerückt, um zu demonstrieren, wie hilflos die europäischen Wissenschaftler seien, wenn sie alte Kulturen begreifen wollten. Die bewusst auffällig beschriftete Khuza-Vitrine zeige das. "Ich wurde schon von Besuchern angerufen, die in der Ausstellung schallend gelacht haben", sagt Eva-Maria Thimme. Auch Klaus Heid legte im Gespräch mit dem Tagesspiegel großen Wert darauf, kein "Kummer der Wissenschaft" zu sein: "Ich spreche meine Aktionen prinzipiell mit den Veranstaltern ab."

Viele Besucher werden dennoch in die Falle gegangen sein. Ist es statthaft, Fiktion unkommentiert unter die Ergebnisse ethnologischer und religionswissenschaftlicher Forschung zu schmuggeln? Claudius Müller, der Fachreferent für Ost- und Nordasien im Ethnologischen Museum in Dahlem, besteht darauf, dass Ausstellungsmacher und Museumsleute einen Auftrag zu erfüllen haben als Vertreter der Kulturen, die sie zeigen. Werde fiktives Material benutzt, so müsse man das klarmachen und dürfe nicht damit spielen. Besonders schade findet es der Sibirien-Fachmann zudem, dass Sibirien, "ein leider hier zu Lande gänzlich unbekannter und vielfältiger Bereich, aus dem es in letzter Zeit wunderbare Ausgrabungen gab", nicht anders gezeigt wird.

Ein Opfer gibt es auf jeden Fall. Der weltbekannte, in Berlin lebende Computerwissenschaftler Joseph Weizenbaum fand an einer Vitrine einen kleinen Vermerk mit seinem Geburts- und Todesdatum - und beschwerte sich: Wie jeder sehen könne, erfreue er sich bester Gesundheit. Damit ist er fast genauso gut dran wie die Khuza. Die waren nie so lebendig.

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