Kultur : Das Kind, das der Vater immer sonntags verprügelt hat

Kerstin Decker

Ein großer Diktator ist ein Wurm ist ein großer Diktator. Großer Diktator? Einer, der alle Fäden zieht. Freundlicher vielleicht. Also Gott. Gott ist - gewissermaßen - der größte Diktator. Und was wäre der Mensch, wenn er nicht Gott sein wollte? Vor allem, wenn er seinen eigenen Faden nicht kennt. Ibrahim Böhme, das Waisenhaus-Kind, das Pflegeltern-Kind. Einer ohne Anfang. Einer, der sich selbst erfinden muß, ohne Unterlass. Ein Narziss. Gibt es einen größeren Narziss als Böhme? Gott, natürlich. Eine ganze Welt schaffen müssen, nur um sich selbst anschauen zu können! Ist das überhaupt entschuldbar? Gott sieht man sowas nach. Böhme verzieh man es nicht.

Ibrahim Böhme war IM.

Soviel Theater um einen IM. Als ob wir das nicht seit über zehn Jahren hätten. Tragödie? Farce? Possenstück? - Egal, was es ist. Verharmlosung!, hört man den Chor der Mahner schon rufen. Denn der Spitzel auf dem Theater setzt etwas voraus, was manche so schwer zulassen können: Abstand. Wer aus einer Figur des Lebens zu einer des Spiels wird, ist uns schon ferngerückt. Dabei hat man die Nachricht beinahe noch im Ohr.

März 1990. Der erste Vorsitzende der Ost-SPD arbeitete für die Staatssicherheit. Eben noch stand er neben Willy Brandt. Guter Standort für einen, der gerade noch Friedhofs-Gärtner und Vietnamesisch-Übersetzer in Neustrelitz war. Weil er mal öffentlich die Solidarnosc gut fand. Da haben sie ihm den Dramaturgenposten am Theater Neustrelitz weggenommen. Aber was ist schon Dramaturg in Neustrelitz gegen dieses Neben-Willy-Brandt-Stehen? Die Bilder zeigen es. März 1990. Bis eben schien nichts wahrscheinlicher, als dass er, Ibrahim Böhme, erster frei gewählter Ministerpräsident der DDR wird. Ibrahim for President! - Vorbei in wenigen Tagen, wenigen Wochen. Als Ibrahim Böhme im April 1990 in den Fahrstuhl steigt, nach Rückgabe aller Aufgaben und Ämter, ist er schon tot. Nur das Sterben dauert etwas länger. Fast zehn Jahre. Über das Sterben des Ibrahim Böhme hat der Autor Eugen Ruge ein Stück geschrieben. Und dann gleich noch eins: die Opferakte Ibrahim Böhmes, dramatische Fassung. Nur Originalzitate. Ja, eine Opferakte gibt es auch. Andreas Dresen, Filmregisseur ("Nachtgestalten") und Sohn des großen Theatermanns Adolf Dresen, hat das interessiert.

Dieser Menschenregisseur mag die Abgründe - und bleibt gelassen. Auch die Täter, weiß er, weiß es aus dem Fall Böhme, waren einmal Opfer. Das interessiert ihn. Dresen will dorthin, wo unsere taghellen Unterscheidungen ihre Erklärungsmacht einbüßen. Wo die Differenzen flüssig werden. Auch, und erst recht, die von gut und böse. Er würde eine prekäre Balance halten müssen. Ganz ohne Netz.

Ein Bett. Versinkender Beton drumherum. Vielleicht die Mauer. Das Bett, die letzte Bühne des Ibrahim Böhme. Gott im Bett, sterbend. Ein Narziss, ein Wurm. Matthias Hummitzsch, mit Böhme-Bart, spielt sie alle. Und wie er sich krümmt unter der Decke, um dann aufzufahren, den Tee zu ordern: "Frau Winterfeld, machen Sie mir einen Tee!?" Nein, kein Befehl, nicht der Ton der Diktatoren, denn da sind Böhme und Gott sich einig: Sie wollen geliebt werden, und zwar, am allerbesten, von allen. Und doch sieht er durch jeden hindurch - durch die Freunde, früher, jetzt durch Frau Winterfeld, die Begleiterin der letzten Tage. Nur dass es beim Sterben so an den Füßen kribbeln würde, das hatte Böhme nicht erwartet: "Frau Winterfeld, massieren sie mir die Füße? ... Ja, ja, guuut, auch da, zwischen den Zehen!" Grotesk-erotische Arrangements, eine Sterbeburleske. Und Böhme ist ein sterbendes Kind. Wie Gott wohl nie erwachsen geworden. Frau Winterfeld - es gab wirklich eine Frau Winterfeld - ist stumm bei Dresen. Bis zum Tod Böhmes hat sie ein einziges Wort: "Neustrelitz". Aber vor dem Sterben kommt die "Opferakte Böhme".

Kommt Böhme, der Flugblattschreiber. Böhme, der Erfinder der Opposition. In Greiz, in Neustrelitz. Oder aus fahrenden Zügen heraus. "Wer regiert euch? Können sie schreiben? Können sie denken? Ablesen können sie!" - "Mehr Geld, mehr Waren, mehr Autos (besonders mehr Intershops!) und alles für euch! Aber wo sagt ihr eure Meinung?" Böhme wirft die Flugblätter vor Magdeburg aus dem Zug und zeigt sich anschließend an. Monate Untersuchungshaft. Nachher ist er fester im Griff der Stasi als je zuvor. Die Darreichungsform? Groteske. DDR-Aktensprache.

"Ein Märchen, Frau Winterfeld, wenn ich sterbe!" Wieviele Märchen er, Böhme, den Kindern seiner Freun ... (Pause), seiner ehemaligen Freunde erzählt hat. Aber nie die ganz schlimmen. Nie das Märchen vom Mädchen mit den Schwefelhölzern. Wie er auch seinen wirklichen Namen Manfred nie ertug. Denn Manfred war ein anderer. Manfred war das Kind, dass der Vater immer sonntags verprügelt hat.

Als Böhme tot ist, nimmt Frau Winterfeld (Ellen Hellwig) seine Hand und erzählt - das Märchen vom Mädchen mit den Schwefelhölzchen. Und das Mädchen wird - Ibrahim Böhme. Ein Kind, in die Welt gefallen. Und es wird - wagen wir es auszusprechen? - wieder unschuldig. Das ist vollkommener Aberwitz. Das ist vollkommenes Theater. Keine Verklärung, nur Mitleid, Erbarmen beinahe.

Ibrahim-Manfred - IM - Böhme hat bis zuletzt nicht eingestanden, für die Stasi gearbeitet zu haben.

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