Kultur : Das Kindergeburtstagssystem

René Polleschs „Freedom, Beauty, Truth&Love“ an der Berliner Volksbühne

Peter Laudenbach

Die Rezession fordert auf jedem Gebiet ihre Opfer, selbst das Theater ist vor ihr nicht sicher. Jetzt hat es René Pollesch erwischt. In den letzten Jahren hat der Autor und Regisseur an der Berliner Volksbühne und am Hamburger Schauspielhaus polemisch und präzise auf die nervösen Zuckungen der New Economy reagiert. Während Manager mit Vokabeln wie „Kreativität“, „Fantasie“ oder gar „Revolution“ ein neues postmaterielles Zeitalter verkündeten, konnte man bei Pollesch besichtigen, was vom Menschen übrig bleibt, wenn er sich konsequent an die neuen Märkte ausliefert: Ein Bündel Hysterie, Panikschübe und ziellos amoklaufendes Begehren. Lauter deregulierte Subjekte bevölkerten Polleschs Stücke, in denen Intimität, Informationsnetzwerke und Ökonomie kurzgeschlossen wurden und die Marktteilnehmer nie wussten, ob sie gerade in einem Pornofilm, einem Büro oder einem Hotelzimmer waren. Gerne wurde über die Käuflichkeit von Intimität und Liebe, über die lustvolle Vermarktung von Subjektivität und über kommunizierende Haushaltsgeräte räsoniert. Da es inzwischen in der Wirtschaft nicht mehr um Visionen, sondern um die Frage geht, welches Unternehmen als nächstes Bankrott anmeldet, wirkt dieses fröhlich durchgedrehte Agitproptheater mittlerweile wie ein anheimelndes Idyll aus besseren Zeiten, ein bisschen dekadent, ein bisschen verspielt und sehr weit entfernt von allen realen Prozessen.

Leider hat dem Regisseur niemand gesagt, dass das mit der New Economy und den vielen Visionen inzwischen Schnee von gestern ist, und so produziert er seine Stücke mittlerweile vollautomatisch und ohne Rücksicht auf sich verändernde Umweltbedingungen in Serie. Sein Theater wurde selbstreferenziell, es fing an, vor allem um sich selbst zu kreisen, immer schneller, immer virtuoser und immer näher am Privatleben seines Autors. Luhmann-Leser würden sagen: Sein System war nicht mehr in der Lage, die Systemumwelt zu verarbeiten. Was so entstand war das Paradox eines politischen Theaters ohne Wahrnehmung von Politik, Gesellschaft, Wirtschaft.

Das neueste Produkt dieser auf Autopilot gestellten Produktion heißt „Freedom, Beauty, Truth & Love“, es gibt vor "das revolutionäre Unternehmen" zu verhandeln und bezieht sich neben den üblichen Versatzstücken auf den poppigen Hollywoodfilm „Mouline Rouge“. In welche Verwirrung und Beliebigkeit all die großen Vokabeln (Revolution! Kapitalismus! Sex! Globale Märkte! Käuflichkeit! Liebe!) dem Autor mittlerweile geraten sind, ahnt man, wenn Pollesch erklärt, der nette Mainstreamfilm sei „antikapitalistisch“, weil sich die Revuetänzerin nicht für den reichen Fiesling, sondern für den armen Dichter entscheidet: Niemand hat Mitleid mit dem Kapital! Womit das neue Genre des antikapitalistischen Melodrams erfunden wäre. Die Aufführung findet in der zur Stadtlandschaft umgebauten Volksbühne statt, aber wie Pollesch die veränderte Gesellschaftslage souverän ignoriert, nimmt er auch Bert Neumanns riesige „Neustadt“-Bühne höchstens am Rande zur Kenntnis. Das Publikum sitzt auf einer großen Freitreppe oder im mehrstöckigen Bühnen-Hotel, die vier Schauspieler toben die Treppenstufen hinauf und hinunter und liefern ihren Pollesch-Text ab. Ab und zu geht das Licht aus oder die Drehbühne bewegt sich oder es laufen noch einmal die schönsten Discohits der Siebzigerjahre („In Zaire“!) und die Flugmaschine sorgt für einen kleinen Gag.

Es ist wie immer bei Pollesch, nur schlechter. Das liegt nicht nur an dem aus den bekannten Versatzstücken per Zufallsgenerator beliebig montierten Text, es liegt auch daran, dass sich neben den beiden tollen Schauspielerinnen Caroline Peters und Astrid Meyerfeldt zwei Amateure (der strahlende Gordon Murphy Kirchmeyer und ein hölzerner Bastian Kraft) recht schwerfällig durch den Abend strampeln. Die szenischen Aktionen haben den Charme und die Harmlosigkeit eines Kindergeburtstags. Die Frage, ob man Gefühle kaufen kann, geht in einem etwas diffusen Kitsch ebenso unter wie die Behauptung vom „revolutionären Unternehmen“.

Die nächsten Termine: am 9. und 11. März um 19 Uhr 30, am 13. März um 22 Uhr, am 14./15. März um 19 Uhr 30 in der Volksbühne.

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