Kultur : Das Kino als Kloster und kleine Mönche als heimliche Fußballchampions

Moritz Rinke

Echte Geistliche spielen die Hauptrollen in diesem angenehm stillen und schlichten FilmMoritz Rinke

Dies ist ein Stück Filmgeschichte. Hatten wir schon jemals einen Regisseur, der als Reinkarnation eines heiligen Mannes gilt - beispielsweise des großen religiösen Erneuerers Jamyang Wangpo (1820-1882)? Und wo wären an unseren Sets die Darsteller, die für jede Szene immer nur einen Take brauchen, weil sie nämlich überhaupt keine Schauspieler sind, sondern Buddhisten: immer konzentriert, immer diszipliniert, immer uneitel und dabei Reinkarnationen von Yogis, Lamas, Mönchen?

Also: Einer der bedeutenden Lamas des tibetischen Buddhismus, Khyentse Norbu, Reinkarnation, wie erwähnt, von Jamyang Wangpo und einige Monate Praktikant bei Bertoluccis Film "Little Buddha", drehte seinen ersten Kinofilm im Chokling Kloster, am Fuße des Himalajas, wo viele tibetische Flüchtlinge seit der Okkupation ihrer Heimat durch China leben. Sein Film beginnt so: Man sieht erst einmal Mönche Yogitee oder Buttertee trinken, auf dem Boden sitzen, mit Reiskörnern Zeremonien abhalten, früh aufstehen und sich regelmäßig die Haare schneiden. Irgendwann fährt Orgyen, der 13jährige Mönch, mit dem Fahrrad über einen tibetischen Sandweg, um Gemüse für das Mittagessen zu holen. Als ihm ein Auto entgegenkommt, hupt es. In diesem Moment zucken wir selbst zusammen. Bis dahin hatte man schon das Gefühl, man wäre eine Zeit lang in der absoluten Stille gewesen, hätte den Reis durch die Hände der Mönche rieseln gehört, und jetzt hupt plötzlich ein Auto, das einen wieder an die Welt draußen erinnert. Ganz am Anfang gab es eine ähnliche Szene: Drei Mönche laufen über den Platz des Klosters, und plötzlich kickt einer eine Coca-Cola-Dose gegen eine Wand. Dann ist es lange wieder sehr still.

Der Film entfaltet sein Thema ganz einfach und schön. Orgyen will sich waschen, zieht seine Mönchskutte aus, und darunter hat er das selbstgemachte Trikot der brasilianischen Fußballnationalmannschaft an. Orgyen trägt die Rückennummer auf dem Bauch, und es ist die Nummer 9, die Nummer des brasilianischen Gottes: von Ronaldo! Ronaldo schoss Brasilien 1994 mit buddhistischer Frisur zur Weltmeisterschaft. Der kleine Orgyen sagt: "Ronaldo, das ist der, der so aussieht wie wir, aber er ist kein Mönch." Dann kippt er sich einen Kübel Wasser über den Kopf, und vielleicht träumt er, er sei jetzt Ronaldo unter der Dusche in Frankreich. In Frankreich sind nämlich gerade die Weltmeisterschaften von 1998, zu dieser Zeit spielt der Film. Er heißt übrigens "Spiel der Götter".

Der kleine Orgyen, sein Freund Chokling, also die Reinkarnation von Lingpa, und noch zwei andere Mönche schleichen sich nachts aus dem Kloster und laufen durch Wälder und über mondbeschienene Wiesen, um in einem Dorf mit Fernseher das Halbfinale Frankreich gegen Kroatien zu schauen. Als sie nachts ins Kloster zurückkehren, werden sie gleichsam in flagranti von ihrem Geko ertappt. Geko nennt man in buddhistischen Klöstern den Oberaufseher, der für die Disziplin und die Einhaltung aller Regeln zuständig ist, und der Geko dieses Films wird gespielt von Orgyen Tobgyal, einem der prominentesten Vertreter jenes tibetischen Buddhismus, der moderne Einflüsse mit der Tradition verbindet.

Natürlich ist dies auch das Thema des Films: Dort schlägt erst einmal die Tradition zurück; das heißt, das WM-Endspiel zwischen Brasilien und Frankreich werden Orgyen und seine Freunde nie sehen dürfen, stattdessen Höchststrafe: sieben Wochen Kloster putzen! (Ich kenne so etwas auch noch von der Waldorfschule. Da war Fußball strengstens untersagt, unser Geko hat immer die Bälle zerschnitten, was sich aber jetzt in der modernen Anthroposophie geändert haben soll.)

Zurück zu den Buddhisten: Orgyen muss unbedingt das Finale Brasilien gegen Frankreich sehen, und der Geko hat plötzlich ein Herz und geht zum Abt, und der Abt erlaubt tatsächlich, das Finale im Kloster zu sehen. Aber es gibt keinen Fernseher. Also muss Orgyen bei allen Brüdern Geld sammeln, um im Dorf einen Fernseher zu leihen; der indische Fernsehverleiher wittert nun das Geschäft seines Lebens und verlangt 350 Rupien für einen Schwarzweiß-Fernseher, 400 für Farbe, aber die Mönche haben mal gerade 300, und in sechs Stunden beginnt das Spiel, doch in zwei Stunden schließt der indische Verleiher seinen Laden, so dass es noch mal richtig dramatisch wird.

Darauf folgt ein magischer Moment, eine grandiose Szene, in der plötzlich ein Traktor, gelenkt von einem Mönch, mit einer riesigen Satellitenschüssel auf dem Anhänger, in das Kloster einfährt! Und der Abt sieht weise lächelnd, wie die neue Welt in den Buddhismus kommt.

Dieses zu erzählen, ist Khyentse Norbu wundersam schön gelungen, und vermutlich wird sein Film, wenn nicht in Tibet, so doch dort, wo die Tibeter seit dem chinesischen Einmarsch im Exil leben, eine gesellschaftliche Debatte auslösen. Norbus, 38 Jahre alt, ist nämlich selbst Abt eines Klosters und geistiges Oberhaupt von Meditationszentren und Lehrstätten. Die Traditionalisten werfen ihm vor, er gehe einen Pakt ein mit einem Medium, das generell von Sex, Geld und Gewalt handle. Norbus dagegen sagt, dass man im Kino heute mehr Menschen für das buddhistische Denken begeistern könne als im Kloster.

Das ist hier absolut gelungen, und warum sollte sich, wo sich doch heute alles vermarktet, nicht auch der Buddhismus vermarkten? Der große buddhistische Menschheitsmoment ist nämlich die schönste Szene des Films: Alle Mönche sitzen vor dem rauschenden Schwarzweiß-Fernseher und schauen das Finale, nur Orgyen ist unglücklich. Er hatte nämlich dem jüngsten Mönch des Klosters eine Taschenuhr abgeschwatzt, die der von seiner Mutter zum Abschied geschenkt bekommen hatte. Orgyen sah in dieser Uhr die einzige Chance, dem indischen Fernsehverleiher ein Pfand für eine Restzahlung zu übergeben. Am nächsten Morgen muss er es auslösen. Es gibt kein Geld mehr im Kloster. Also läuft er ausgerechnet während des Finales in seine Kammer und holt unter dem Bett seine geliebten Fußballschuhe hervor. Der Geko betritt die Kammer, und Orgyen fragt: "Sind die denn so viel wert wie die Uhr einer Mutter?"

Der Film wird bestimmt kein Kassenschlager, dafür ist er zu schlicht, zu still, zu unaufwendig. Trotzdem wirkt viel westliches Kino gegen ihn wie eine aufgepustete, parfümierte Schaumblase. Würde man unsere Filmbranche einmal therapieren wollen, dann könnte man einfach mal, zum Beispiel bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises, das "Spiel der Götter" zeigen - und den ganzen Rest der Gala weglassen.

Natürlich würde sich dann jemand hinstellen und sagen: Das ist doch gar kein richtiger Film! Die Darsteller sind Mönche! Der Abt des Klosters ist der wirkliche Abt des Klosters, und Kostümbildner und Filmarchitekten brauchte man hier auch nicht - na ja, das Ganze ist halt einfach ein Dokumentarfilm über Mönche! Stimmt aber nicht. Die Mönche wurden vorher gecastet. Sie mussten Text auswendig lernen, und um zu beten für die unzuverlässige indische Elektrizitätsgesellschaft, auf deren Strom man absolut angewiesen war, sind die Mönche während der Dreharbeiten noch drei Stunden früher aufgestanden. Morgens um eins!In Berlin in den Kinos Babylon, Broadway, Filmbühne am Steinplatz (OmU), FT am Friedrichshain, Hackesche Höfe, Kant
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