• "Das Klassische entstaubt, gepaart mit dem Modernen" - die Rowohlt-Verlagsleiterin Ingke Brodersen im Gespräch

Kultur : "Das Klassische entstaubt, gepaart mit dem Modernen" - die Rowohlt-Verlagsleiterin Ingke Brodersen im Gespräch

Frau Brodersen[warum sollten junge Leute Büc]

Ingke Brodersen (49) trat 1977 in das Lektorat des Rowohlt-Verlages (politische Bücher) ein. In den achtziger Jahren wurde sie Herausgeberin der Taschenbuchreihe "rororo aktuell". Seit 1991 ist sie Verlagsleiterin des ein Jahr zuvor gegründeten Verlags "Rowohlt Berlin". Heute erscheint dort in der Reihe "Bücher für die jüngere Generation" der erste Band. Das Gespräch führten Kai Müller und Philipp Lichterbeck.

Frau Brodersen, warum sollten junge Leute Bücher lesen?

Natürlich gibt es viele Medien, sich die Welt zu erschließen. Aber nur Bücher srukturieren die Wirklichkeit. Angesichts einer wachsenden Bilderflut brauchen wir mehr denn je die Sprache, um sie zu interpretieren. Wir sind nicht dafür geschaffen, uns den Bildern bewusstlos auszusetzen. Ich glaube zudem, dass Texte eine produktive Distanz zur Wirklichkeit erlauben: den Einstieg in eine andere Wirklichkeit. Ich bin aufgewachsen in einem Elternhaus, in dem es nicht möglich war zu reisen. Aber die Bücher, die ich verschlang, erlaubten mir, selbstständig auf Reisen zu gehen. Diese Erfahrung hätte ich mit anderen Medien niemals machen können.

Sie glauben an die Kraft des Buches im Sinne der Aufklärung. Aber sind die linearen Zusammenhänge, die durch die Schrift hergestellt werden und unser Wissen prägen, noch zeitgemäß?

Da widerspreche ich entschieden! Sprache ist kein Medium, das a priori einer Art von linearem Wissen verpflichtet ist. Ich würde es eher ein Kontinuum von Wissen nennen. Nur in der Schriftsprache können sie Wissen wirklich tradieren. Das ist ja die große Errungenschaft der Schriftkultur: nicht mehr darauf angewiesen zu sein, dass irgendwann ein fahrender Sänger vorbeikommt und einem erzählt, was auf der anderen Seite der Erdkugel passiert. Außerdem hat die moderne Literatur die Linearität immer wieder bewußt unterlaufen.

Ist es für junge Menschen nicht vielleicht doch nützlicher, sich der komplexen Welt über andere, schnellere Medien zu nähern?

Ich glaube tatsächlich auch, dass wir heute viel ausgeprägtere Fähigkeiten brauchen, uns auf die Simultanität der Geschehnisse einzulassen. Das unterscheidet jüngere Generationen von der meinen: dass sie wesentlich geübter darin sind, verschiedene Wirklichkeiten gleichzeit wahrzunehmen.

Deshalb halten viele Jugendliche das Buch für ein träges Medium?

Was ist daran träge, bitteschön!? Das klingt mir zu konventionell. Ihre Unterstellung sitzt einem einseitigen Fortschrittsgedanken auf, der sagt, dass Schrift als das Medium von Gestern sich erledigt haben könnte. In den vergangenen Jahrzehnten konnte man bei vielen Verlagen die Angst beobachten, den Anschluss zu verpassen. Das hatte zur Folge, das in allen Jugendbüchern bunte Bilder und Grafiken auftauchten und Texte nur noch in zumutbaren Dosen vorkamen. Das finde ich absurd. Denn den Umgang mit den neuen Medien und wie man sich im Internet zurechtfindet, lernen unsere Kinder ohnehin, dafür brauchen sie nicht mich und nicht das Buch. Aber im Gegensatz zu allen anderen Medien hat das Buch einen ganz entscheidenen Vorteil: Sie legen selbst fest, wann, wo und wie Sie ein Buch lesen. Das heißt, Sie besitzen eine extreme Freiheit gegenüber dem Medium. Im nächsten Jahrhundert wird es wichtiger denn je sein, über eine breite Allgemeinbildung zu verfügen.

Sie wollen "Bücher für die jüngere Generation" herausbringen. Was unterscheidet Ihr Programm von anderen Sachbuch-Reihen?

Mit Blick auf die üblichen Verlagsprogramme fällt einem auf, dass es keine Sachbücher für junge Leser zwischen zwölf und achtzehn Jahren mehr gibt. Was mit der Angst vor den neuen Medien zu tun hat. Verlage sollten machen, was sie auszeichnet: nämlich Bücher mit Texten. Es interessiert mich, einen Eindruck davon zu vermitteln, was beispielsweise die moderne Physik so wahnsinnig spannend macht oder die Antike. Es ist mir unverständlich, warum es in der Schule das Unterrichtsfach Geld nicht gibt, in dem gelehrt würde, was ein Kredit ist, warum es in der islamischen Kultur ein Zinsverbot gibt, was eine Aktie oder ein Optionsschein ist und wie der Dax funktioniert? Ich mag diese Form einer praktischen Allgemeinbildung: das Klassische entstaubt, gepaart mit dem Modernen. Und ich sehe nicht, dass diese Themen in systematischer Form in anderen Verlagen aufgegriffen würden.

Dennoch sparen Sie bestimmte Themen aus. Warum werden in der Serie nicht auch aktuellere Fragen beantwortet, zum Beispiel nach der Postmoderne, nach der Wirkung von Bildern, nach dem WWW?

Als Verlegerin verstehe ich mich als jemand, der Themen setzt. Wenn ich darauf verzichtete, dann würde ich anfangen, irgendwelchen Trends hinterherzurennen, die ich nicht einholen kann. Das habe ich nie gemacht, das sollen andere machen.

Wie sind die Bücher konzipiert, dass sie für Jugendliche verständlich bleiben?

Da bin ich arrogant. Wir sind keine Schule und diese lehrmeisterliche Art von didaktisch-pädagogischen Konzepten widerstreitet dem Geist von Büchern. Bücher haben etwas Autoritäres: Sie machen ein Angebot und nehmen normative Setzungen vor. Sie können sich also nur entscheiden, ob Sie dieses Angebot annehmen wollen oder nicht: Take it or leave it.

Muss Lernen denn anstrengend sein?

Ja. Lernen hat mit Meisterschaften zu tun. Mitnichten kann man sich Wissen wie einen flockigen Zitronenkuchen einverleiben. Lernen hat auch etwas mit Aussetzung zu tun. Ich muss die Grenzen meines Gärtleins verlassen. Ich muss die Befremdung aushalten und bereit sein, mich auf Gefahren einzulassen. Ich halte es für eine ungeheure Anmaßung, anzunehmen, Lernen würde durch pädagogische Zurichtungen erleichert.

Ein "Rezept" wären wohl wissenschaftliche Erzählungen.

Es hat auf jeden Fall etwas mit erzählerischen Qualitäten zu tun. Das macht die Suche nach geeigneten Autoren so schwierig. Es reicht nicht, ein hervorragender Physiker zu sein. Man muss seinen Gegenstand auch spannend und interessant machen können.

Ist diese lockere Beschäftigung mit Sach- und Wissenschaftsthemen eine Reaktion auf die Amerikanisierung unserer Buchkultur?

Gewiss. Bei uns haben sich die Akademiker ja früher selbst eingezäunt und jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Doch das ist heute viel, viel besser geworden. Tahar Ben Jellouns "Papa, was ist ein Fremder" ist ein Beispiel. Niemand hätte vorher einen Pfennig darauf verwettet, dass dieses Buch reüssieren würde. Doch seit dem Frühjahr befindet es sich auf der "Spiegel"-Bestseller-Liste.

Jede Generation hat ihr eigenes, identitätsstiftendes Buch wie "Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" oder die "Tagebücher der Anne Frank". Kann man Kultbücher konstruieren?

So etwas ist nie gelungen. Die Bücher sind ex post entdeckt und dann zu Bestsellern geworden. Meistens kommen Ich-Erzählungen bei Jugendlichen an, weil sie Authentizität verkörpern.

Lässt sich damit der Erfolg von so jungen Autoren wie Benjamin Lebert erklären?

Mit Benjamin Lebert ist noch mal eine Zäsur eingetreten: Die Aufmerksamkeit richtete sich ja ausschließlich auf das Alter des Autors. Demnächst werden wir bestimmt den siebenjährigen irgendwo begrüßen dürfen. Ich suche jedoch immer noch die zwei, drei Zeilen, die mal einer über Leberts Text geschrieben hat.

Steht der Erfolg dieser jungen Autoren im Widerspruch zu den abnehmenden Leserzahlen bei Jugendlichen?

Also die Statistiken sprechen gegen ihre These, dass die Leserzahlenrückläufig sind. Das Problem besteht nur darin, dass der Markt für Verlage enger geworden ist und die Anzahl der Neuerscheinungen immer noch zunimmt, was der helle Wahnsinn ist.

Wann kommen ihre Bücher auf CD-Rom auf den Markt?

Ich bin eigentlich nicht dafür, dass Bücher auf CD-Rom erscheinen. Das Buch ist nie ein Massenmedium gewesen, es war immer ein Verständigungsmedium der gebildeteten Schichten und damit ein Vehikel für Minderheiten.

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