Kultur : Das kleine Böse im großen Guten

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Ganz egal, worüber gerade berichtet wird, ob über Missbrauchsfälle bei Katholiken oder Reformpädagogen, ob über die Reisebegleiter des Außenministers oder den Baufilz in der Berliner SPD, ob über maßlose Banker oder Politiker mit Stasikontakten – die Antwort der Betroffenen ist immer die gleiche: Kampagne, alles nur Kampagne! Von Vernichtungsfeldzügen wie bei Hexenjagden (Adolf Muschg) und der Judenverfolgung (der Ökonom Werner Sinn und Bischof Gerhard Ludwig Müller) ist die Verteidigungsrede, von Homophobie (Guido Westerwelle), Sippenhaft (Gesine Lötzsch) und Pornografie (der Pädagoge Hartmut von Hentig), ohne Grenze, ohne Scham, ohne Tabu. Das Ziel ist klar: Die Aufklärung soll verhindert, der Aufklärer diskreditiert werden.

Mit Kampagnen werden Ideen, Produkte oder Projekte propagiert. Sie können sinnvoll sein oder albern, bösartig oder gut, wahrhaftig oder verlogen, aber sie sollen immer nur einem dienen: dem spezifischen Interesse des Kampagnenführers. Es gibt die Imagekampagne des Handwerks, die Teekampagne, die Kampagne für Ehe und Familie der katholischen Kirche, die Kampagne gegen Pelzmode. Parteien betreiben Kampagnen, die SPD hatte dazu eine eigene „Kampa“, auch die Kirchen, ebenso Unternehmen, Verbände, Institutionen, sie kennen sich alle gut damit aus. Wovon sie zumeist nichts verstehen oder jedenfalls nichts verstehen wollen, ist das Gegenteil einer Kampagne. Wir nennen es Journalismus.

Dennoch liegt es nahe, dass viele von Anschuldigungen, Anklagen und damit eben auch von Kommentaren und Berichten Betroffene sich tatsächlich als Opfer einer Kampagne fühlen. Zum einen entspricht es ihrem zumeist engen Weltbild, in dem es nur Freund oder Feind gibt – wobei Neutralisten in dieser Logik den Feinden zugerechnet werden. Zum anderen sehen sie sich von einer Masse von Medien umstellt, die im Stadium des Verdachts alle Ähnliches berichten, und je mehr berichtet wird, desto weniger kann sich eine Zeitung, ein Sender, ein Magazin dem entziehen, woraufhin dann der Eindruck einer Kampagne entsteht.

Tatsächlich ist es nicht immer leicht zu erklären, weshalb ein bestimmtes Ereignis zum Dauerläufer in den Massenmedien wird. Warum sind die Missbrauchsfälle in Schulen gerade jetzt ein so großes Thema, obwohl einiges durchaus seit Jahren bekannt war? Vielleicht, weil die Zeit – und ihr Geist – nun reif dafür ist? Weil kein Terroranschlag und keine Parteispendenaffäre dazwischenkommt? Weil sich beinahe täglich neue Betroffene melden? Weil in den USA und Irland die Dimension des Verbrechens deutlich wurde? Weil dann, wenn mehr als nur ein paar Opfer sich in die Öffentlichkeit wagen, sich auch viele andere trauen?

Der Vorwurf gegenüber „den Medien“, sie führten eine Kampagne, geht jedenfalls ins Leere. Denn da ist keine Verabredung, keine Konspiration, kein Konzept, keine Gleichschaltung. Von wem denn auch? Da ist allenfalls Konkurrenz, die ein Feuer mal anfacht und mal erstickt. Aber das Feuer war immer schon da, wenn es auch nur im Verborgenen glühte, sei es als Wut, Scham oder Verzweiflung in der Seele der Missbrauchsopfer, sei es als heißer, aber heikler Geschäftskontakt. Zeitungspapier ist leicht entflammbar, wenn die Glut es erreicht.

Die Gesellschaft, zu der Zeitungen gehören und für die Zeitungen da sind, ringt um Erkenntnis, Einordnung, Bewertung, Schuld, Verantwortung und Versagen, um die Folgen von Handeln und Unterlassen. Aufklärung ist die Grundlage all dessen, und auch Offenheit. Aber das eine, die Aufklärung, wird mit perfiden Unterstellungen zu unterbinden versucht, und die Offenheit wird mit dem Hinweis auf böse Absichten des Aufklärers verwehrt. Aber wenn Kritik am Außenminister Homophobie ist, was ist dann ein Lob des Außenministers? Wenn es kirchenfeindlich ist, die Verantwortung für sexuellen Missbrauch an Kindern zu benennen, was ist dann das Vertuschen von Missbrauch? Wenn die Schilderung der Verbrechen pädophiler Pädagogen Pornografie ist, machen sich die erwachsenen Opfer von damals heute der Verbreitung von Kinderpornografie schuldig? Wenn es Sippenhaft ist, über die Stasikarriere eines Politikerpartners zu schreiben, was ist dann das stasifreundliche Reden und Handeln dieses Politikers? Wenn kritischer Journalismus faschistoid ist, was ist dann unkritischer Journalismus?

Der Kampagnenvorwurf als Verteidigungsstrategie ist nicht neu. Helmut Kohl hat ihn gepflegt, an seinem politischen Ende auch Gerhard Schröder. Das erleichterte es beiden ungemein, über die eigenen Fehler hinwegzusehen. Aber selbst wenn es so wäre, wenn es eine große Medienkampagnenverschwörung gäbe mit dem Ziel, alles und jeden hinwegzufegen, unmöglich zu machen, Institutionen zu schleifen, Autoritäten zu genieren, ein großes Gutes zu zerstören wegen eines kleinen Bösen darin – gäbe es das kleine Böse dann nicht trotzdem? Und wäre es, nach dem Schmerz und der Schande, für das große Gute nicht besser, wenn es das kleine Böse darin nicht mehr gäbe?

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