Kultur : Das Klima und der Gipfel

Erzengel Michael wusste, wie er seinen Forderungen Nachdruck verleiht: Als sich Bischof Aubert von Avranches weigerte, auf einer Felseninsel im Atlantik eine Kirche zu erbauen, brannte der Himmelsbote ihm mit dem Finger ein Loch in den Schädel. Die Reliquie des Heiligen Aubert hat noch heute ein Loch im Kopf. Die Kirche wurde gebaut – vor 1303 Jahren. Seitdem ist die nach dem Erzengel Mont Saint-Michel benannte Insel ein Wahrzeichen Frankreichs. Millionen Touristen kommen jährlich auf die von Kirchen und Klöstern okkupierte Insel vor der Küste, die nur bei Flut vollständig von Wasser umgeben ist. Ein millionenschweres Staudamm-Projekt soll sie vor dem Verlanden bewahren, damit das Wasser, das durch einen 1879 erbauten Fahrdamm zurückgehalten wurde, den Berg bei Flut komplett einschließen kann. „Der Mont Saint-Michel muss eine Insel bleiben“, hatte schon Victor Hugo gefordert.

Doch die wahre Gefahr kommt aus der Luft. Die Regierung Sarkozy plant fünf Windpark-Anlagen an der Atlantikküste der Normandie. Eine davon soll in Sichtnähe des Mont Saint-Michel entstehen, die 100 Meter hohen Windräder am Ufer würden die Kirchturmspitze überragen. Teufels Werk zu Gottes Beitrag? Kirchenvertreter, Umweltaktivisten und Tourismusbehörden protestieren, die Unesco droht gar, die Insel von der Welterbeliste zu streichen. Im Juni wird entschieden.

Wer hat den höchsten? Das tönt vertraut: Letzten Sommer gab es ähnliche Diskussionen um die Wartburg bei Eisenach, wo ebenfalls Windräder in Sichtweite geplant sind. Ökos contra Katholiken, Klima gegen Kirche: Im Konflikt zwischen Kultur, Energiefortschritt und Landschaftsschutz bezieht die Unesco bei ihren Schutzgütern die Umgebung inzwischen mit ein. Das Dresdner Elbtal ist nur ein unrühmliches Beispiel; auch beim Mont Saint-Michel sind Bucht und Küstenlandschaft auf der Liste ausdrücklich genannt.

Ein anderer Windpark soll übrigens in der Nähe von Courseulles-Sur-Mer gebaut werden, dort, wo 1944 die Alliierten landeten. Entsprechend laut sind die Proteste von Weltkriegsveteranen und Historikern, denn auch die Calvados Coast zwischen Juno- und Omaha-Beach soll als Weltkulturerbe angemeldet werden. Einst stritt der Erzengel für die Sache der Kirche, nun stehen die D-Day-Veteranen den Anti-Windkraft-Aktivisten bei. Wir leben in säkularen – und friedlichen Zeiten: Noch hat keiner ein Loch im Kopf.

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