Kultur : Das klingende Klassenzimmer

Warum die Berliner Symphoniker kein Sparopfer werden dürfen

Carsten Niemann

Mitten im Beifall über den Erhalt der drei Berliner Opernhäuser droht eine musikalische Institution der Hauptstadt unterzugehen. Mit der Mitteilung, dass der Bund Berlins Kultur mit zusätzlichen 25 Millionen Euro unterstützt, kam die Nachricht über das geplante Aus für die Berliner Symphoniker. Denn die 3,3 Millionen Euro, mit denen die Arbeit des 1966 gegründeten Ensembles bisher finanziert wurde, sollen laut Senatsbeschluss mit Ende der Spielzeit 2003/2004 eingespart werden. Eine Entscheidung, die leicht zu realisieren ist, da das Orchester als eingetragener Verein fungiert.

Ein bequemes Sparopfer also? Die Idee wäre nicht neu. Bereits 1993 und 1998 gab es Versuche, sich des Orchesters zu entledigen – „jedes Mal im Schatten großer Institutionen“, wie sich Intendant Jochen Thärichen erinnert. Bisher haben die Symphoniker dank des Protests von Musikern und Bürgern und nicht zuletzt des Votums der Abgeordneten überlebt: Sie verhinderten schon 1993, dass der Abwicklungsbeschluss das Abgeordnetenhaus passierte, und beschlossen sogar, das Orchester „dauerhaft zu sichern“. Dass sein Ensemble jetzt abermals in Frage gestellt wird, hält Thärichen für nur noch „geschäftsschädigend“.

Fragt man bei der Senatsverwaltung für Kultur nach Gründen, vernimmt man außer dem Hinweis, dass Berlin über neun Symphonieorchester verfüge, vor allem bedauernde Töne. Die Entscheidung habe „keine künstlerischen Gründe“, versichert Sprecher Torsten Wöhlert. Und fügt hinzu: „Am liebsten würden wir es nicht tun.“ Zu Recht: In den letzten Jahren hat das Ensemble seine Planstellen nicht nur von 71 auf 52 reduziert, sondern mit Lior Shambadal 1997 auch einen Chefdirigenten engagiert, der das Ensemble trotzdem fit hielt – auch für Tourneen von England bis Japan. Wenn das Orchester mit dem grünen Notenschlüssel im Logo daheim trotzdem nicht den Glamour anderer Ensembles verbreitet, dann deswegen, weil es sein spezifisches Profil als „Bürgerorchester“ und Partner für musikpädagogische Basisarbeit weiterentwickelt hat.

Diese Basisarbeit fängt im Klassenzimmer an: 190 moderierte Schulstunden pro Jahr bietet das Orchester an, in Workshops lernen die Schüler außerdem, wie sich ein Instrument in den großen Apparat des Orchesters einordnet. Einen großen Stellenwert hat das Konzertangebot für Kinder und Jugendliche auch im Programm des Orchesters: Neben sieben Schülerkonzerten werden in der nächsten Saison auch wieder fünf Familienkonzerte in der Philharmonie stattfinden. Ein Basisangebot, das durch mittlerweile intensivierte Jugendarbeit der übrigen Orchester nicht ersetzt werden kann – so medienwirksam etwa die Berliner Philharmoniker ihr Programm auch vor Jahresfrist starteten. Schon gar nicht ersetzt es die moderate Preisgestaltung der Berliner Symphoniker, zu der neuerdings auch ein Arbeitslosen-Abonnement gehört.

Eine weitere Aufgabe, von der sich andere Spitzenorchester Berlins längst verabschiedet haben, sind Konzerte mit den Traditions- und Laienchören der Stadt, denen die Symphoniker eine feste Anzahl von Orchesterdiensten zur Verfügung stellt. Hinzu kommen Absolventenkonzerte in Zusammenarbeit mit den Hochschulen. Aufgaben, die vordergründig wenig Glanz verbreiten, aber den ganzen Musiker fordern: Schließlich fängt das Orchester die Unsicherheiten der Laien und angehenden Profis auf.

Welches Orchester würde den Mut haben, das Erbe der Symphoniker zu pflegen? Die Deutsche Orchestervereinigung betont, dass der Abwicklungsversuch „ein fatales Signal gegen das bürgerschaftliche Engagement des privaten Trägervereins des Orchesters“ darstelle. Bemühungen, mehr kulturelle Verantwortung auf private Träger zu übertragen, würden „ad absurdum geführt“. Anders als die Opern wird kein Kanzler die Berliner Symphoniker retten. Aber vielleicht ja die einfachen Abgeordneten? Die wissen am ehesten, was Basisarbeit bedeutet.

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