Kultur : Das Knutschen macht so gut wie kein Geräusch

Die Liebe in Pompadour und Moll: Bernd Mottl inszeniert ein wildes Karnevals-Operettenspektakel am Staatstheater Cottbus.

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Die schönsten Franzosen kommen aus Cottbus. Nora Lentner als Belotte. Foto: M. Kross
Die schönsten Franzosen kommen aus Cottbus. Nora Lentner als Belotte. Foto: M. Kross

Viele Zuschauer haben sich tatsächlich verkleidet. Da sieht man Cowboyhüte, Dreispitze und Kreissägen, venezianische Masken, Federboas und wehende Umhänge. Wenn das Staatstheater Cottbus zu seinem jährlichen Karnevalsspektakel lädt, werden die Besucher dezidiert dazu ermutigt, in Kostüm zu erscheinen. Und sich bei einem Vorprogramm animieren zu lassen. Bereits eine Stunde bevor der Vorhang zu Leo Falls Meisteroperette „Madame Pompadour“ hochgeht, wird die Hintertür des Großen Hauses am Schillerplatz geöffnet. Regisseur Bernd Mottl hat nämlich kurzerhand den ganzen Musentempel zum „Musenstall“ umgetauft, inspiriert vom Namen jenes zwielichtigen Etablissements, in der sich der 1. Akt der Fall’schen Historienkomödie um die Maitresse Ludwigs XV. abspielt.

Durch schmale Gänge und Dekorationsdepots, unterm Bühnenboden hindurch, treppauf, treppab weist ein roter Streifen am Boden den Weg ins Foyer – wobei kleine Performances vom A-cappella- Schlagerchor über eine Karaokestation bis hin zur viel bestaunten Poledance- Stangenhangelei den Parcours säumen. Auf der Bühne wiederum begegnet einem dann – verkehrte Welt! – das Interieur des Cottbuser Theaterbaus von 1908 selbst, original nachgebaut in seiner ganzen eklektizistischen Jugendstilherrlichkeit, mit goldbronzenen Panthern über den Kassettentüren, mit edel gemaserten Marmorpaneelen und schlanken Renaissancevasen, mit griechischen Grazien, die ihre Arme schützend über (damals hochmoderne) Glühbirnenleisten legen (Bühne: Friedrich Eggert).

In diesem edlen Ambiente geht es nur um eines: Lieben wie Gott in Frankreich. Wie Sisyphus jagt hier jeder seiner Triebbefriedigung nach – wobei alle erhofften amourösen Abenteuer letztlich ins Leere laufen. Was für den Betrachter natürlich höchst vergnüglich ist. Zumal wenn ein Regisseur wie Bernd Mottl die Sache anpackt. Mottl hat ein großartiges Gespür fürs richtige Boulevardtheater- Tempo, platziert zielsicher seine running gags, zündet rasant Pointe um Pointe. Derb und erotisch ist dieser Humor, aber nie dumpf und idiotisch.

Beeindruckend, wie schauspielerisch beweglich das Cottbuser Opernensemble agiert. Jens Klaus Wilde gelingt es als Rene selbst im hellblauen Pyjama noch, heldentenorale Grandezza zu bewahren, kernig intoniert Heiko Walter alias Calicot seine Spottlieder auf den Monarchen und seine Mätresse als zotteliger Protestsong-Barde mit Schlaghosen und Gitarre (Kostüme: Susanne Suhr). Herrlich altbacken kommen die beiden Geheimdienst- Dödel von Jörn E. Werner und Dirk Kleinke daher („Ich werde gehorchen und geh’ horchen“), während Nora Lentners cooles Kammerkätzchen Belotte eine betörend heutige Körpersprache spricht.

Und über allem thront Gesine Forbergers Madame Pompadour. Genau so, wie die Librettisten sie 1922 erträumt haben: als Frau, die sich nichts sagen lässt, außer von ihrem Herzen, als Inkarnation der Emanzipation, die die Männer nach ihrem Rhythmus tanzen lässt und en passant auch noch der landeirigen Verwandten (Debra Stanley) weibliche Waffentechniken beibringt. Seine frechen Spottlieder bereut Calicot spätestens im dritten Akt, wenn ihm die Pompadour, als Potiphar verkleidet, mit den berühmten Couplets lüstern zu Leibe rückt: „Josef, ach, Josef, was bist du so keusch? Das Küssen macht so gut wie kein Geräusch!“ Geknutscht wird an diesem Abend natürlich herzhaft und ausdauernd, gleich- wie gegengeschlechtlich.

Dass Dirigent Marc Niemann das Philharmonische Orchester Cottbus bei all dem wüsten Treiben stets ganz dezent im umbauten Graben agieren lässt, hat Hintersinn und Methode. So nämlich wird Falls feine Musik zur klugen Kupplerin, die mit sanfter Hand Paarungen anbahnt, günstige Stimmungskonstellationen schafft, um dann die Solisten ganz alleine glänzen zu lassen.

Fixe Vergnügungssüchtige können noch weitere Aufführungen der En-suite- Produktion erwischen, die bis zum 10. Februar gespielt wird. Bis zu jenem Sonntag, an dem in der ostdeutschen Karnevalshochburg Cottbus der „Zug der fröhlichen Leut’“ an 100 000 Schaulustigen vorbeiziehen wird. Anders als in den närrischen Teilen der Republik gilt in Brandenburg nämlich knallhart: Am Rosenmontag ist alles vorbei. Frederik Hanssen

Alle Infos zu „Madame Pompadour“ unter www.staatstheater-cottbus.de

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