Kultur : Das Konklave

Hat eigentlich Stanley Kubrick jemals einen Oscar bekommen? Nicht, daß die Academy of Motion Picture Arts and Sciences den genialen Regisseur ganz übersehen hätte: ein paar Nominierungen waren ihr seine epochalen Filme immer mal wert, "Dr.Seltsam" zum Beispiel oder "Uhrwerk Orange", aber erst für sein vergleichsweise gefälliges Kostümwerk "Barry Lyndon" waren gleich vier Oscars fällig.Nicht für den Film selbst, auch nicht für Kubrick als Regisseur und Drehbuchautor, da gingen die Nominierungen ins Leere, wohl aber für seine Mitstreiter, die sich um Ausstattung, Kamera, Kostüme und Musik verdient gemacht hatten.Wenn die Academy-Mitglieder Kubrick nicht wenigstens für "2001 - Odyssee im Weltraum" gewürdigt hätten (ein einziger Oscar - für die Spezialeffekte!), dann wäre der Meister zeitlebens leer ausgegangen.

So gesehen, mag sich Peter Weir trösten, wenn in der bevorstehenden Oscar-Nacht nicht seine "Truman Show", der alles überstrahlende Film des vergangenen Jahres, triumphiert - ja, daß er schon jetzt zu den großen Verlierern des Rennens gezählt werden muß.Für ganze drei Nominierungen aus den jeweiligen Gilden hat es gereicht, eine von den Drehbuchschreibern für Andrew Niccol, eine von den Schauspielern für "Creator" Ed Harris und eine von den Regisseuren für Peter Weir selbst, aber um die Kategorie Bester Film, für die schon bei der Nominierung alle Gilden votieren, machte die Academy in Sachen "Truman Show" gleich einen großen Bogen.Zu phantastisch wohl, zu philosophisch, zu satirisch-kühl ist ihr dieses insofern mit Kubricks Würfen verwandte Werk geraten - und so wird Weir auf die einzige Gerechtigkeit in Kunstsachen, das lange Gedächtnis, bauen müssen.Jenes, das Filme wie "Dr.Seltsam", "2001" und "Uhrwerk Orange" in die Unvergänglichkeit katapultiert hat - und die mit ihnen konkurrierenden Oscar-Triumphatoren "My Fair Lady", "Oliver!" und "French Connection" in ein Vergessen, wie es tiefer kaum sein könnte.

Darf man also Skandal schreien, weil der Wettbewerb sich heute voraussichtlich auf die beiden in verschiedener Hinsicht saftigen Banalitäten "Der Soldat James Ryan" und "Shakespeare in Love" zuspitzt? Das käme einer Publikumsbeschimpfung gleich.Schließlich sind die Oscars der wirkungsvollste Publikumspreis der Welt.5500 Filmleute, von den Regisseuren bis zu den Technikern, votieren geheim per Briefwahl in allen Kategorien, eine gigantische virtuelle Vollversammlung zur Ermittlung kinematographischer Werte - und weil die auf Lebenszeit aufgenommenen Mitglieder im Schnitt (!) 60 Jahre alt sind, darf ihr weiser Ratschluß längst als alljährliches Konklave des amerikanischen Gemüts gelten.Applaus also für das basisdemokratische, wenn auch von üppigen Werbeschlachten umtoste Prozedere.Und dennoch, ein bißchen wird man lächeln dürfen.

Nach dem letztjährigen "Titanic"-Solo scheint die Kür immerhin mit fünf formal aussichtsreichen Bewerbern spannender.Zwei Positionen, die des (Anti-)Kriegsfilms und die des (semi-)historischen Kostümfilms, sind gleich doppelt besetzt.Hinter Spielbergs pathetischem Schlachtengemälde "James Ryan" lauert der sperrigere, modernere "Schmale Grat" von Terrence Malick - schon wegen seiner patriotischen Uneindeutigkeit auf verlorenem Posten, wie man vermuten darf.Und im elisabethanischen Gerangel dürfte John Maddens heiterer "Shakespeare in Love" das strenge, souveräne Biopic "Elizabeth" von Shekhar Kapur ebenfalls neutralisieren.Stellen wir also, ein wenig altmodisch, die Kardinalfrage des Jahres: Da sich der kinematographische Geist wohl gleich dreimal dem Gemüte beugen muß, wird wenigstens einmal bei den Oscars das weibliche über das männliche Prinzip triumphieren, die Liebe über den Krieg?

Auf dieses Duell haben die Academy-Mitglieder die Sache zugespitzt.Ein Kriegsdrama mehr, einmal mehr der Heldentod, würdigstes Ableben jeglichen Mannes - oder eine augenzwinkernde Komödie mit der nicht ganz unumstrittenen Moral, wonach frische Verliebtheit die Kreativität beflügelt: keine Qual, eine Wahl.Freilich müßte man, auf der Suche nach einer (Tragi-)komödie als Oscar-Sieger, bis 1977 zurückgehen, bis zu Woody Allens "Stadtneurotiker".Und: Den Wahlberechtigten dürfte, Hand aufs Gewehr, das von Spielberg so bombastisch ins Bild gesetzte Veteranenschicksal schon altersmäßig ungleich näher sein.

Bleibt ein Clown, der alles durcheinanderbringen kann.Einer, der sich mit einem komischen, tragischen, äußerst gemütvollen Film ganz nach vorn gezaubert hat.Roberto Benigni erzählt in "Das Leben ist schön" auf seine Weise vom Triumph der Liebe über den Krieg - er hat etwas gewagt und damit gewonnen, weltweit, beim Publikum.Und mit sieben Nominierungen einen Rekord unter den nichtenglischsprachigen Kandidaten aufgestellt.Sein Triumph wäre die Aufhebung der Widersprüche: eine schlüssige Sensation.

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