Kultur : Das Kontemplative der Peripherie

FRANK PETER JÄGER

Mads Gamdrup verfremdet nicht, er hat keine außergewöhnlichen Blickwinkel, fängt keinen bestimmten Augenblick ein. Er verläßt sich ganz auf die spröde Eigenart der Orte. Der 31jährige Däne fotografiert Landschaften und fertigt großformatige (100 mal 170 Zentimeter) Farbabzüge der Aufnahmen an. Seine Arbeit steht aber eher in der Tradititon der klassischen Landschaftsmalerei als der Fotografie.Die fünf jetzt bei Bodo Niemann ausgestellten Arbeiten zeigen Landschaftsbilder aus den USA (je 6400 DM). Wo die Landschaft Nordamerikas sich mit den Spuren der Zivilisation überzog, entstand ein mittelpunktloser Siedlungsbrei, der aussieht wie Peripherie, aber dem urbanen Normalzustand der USA entspricht. Irgendwo in diesem Mischmasch aus Blechschuppen, Fabrikhallen, Parkplätzen und aufgeständerten Hochstraßen stellt Gamdrup seine Kamera auf und macht eine Aufnahme.In Phoenix fotografiert Gamdrup downtown, im Bildzentrum eine Ansammlung grotesk häßlicher Hochhaustürme und ein fensterloser Schuppen, im Vordergrund ein leerer Parkplatz, über allem der tiefblaue, wolkenlose Himmel. Es sind nicht zuletzt dieser Himmel und das außerordentlich intensive, kraftvolle Licht des amerikanischen Südwestens, die seine Motive vor dem Abgleiten ins Triviale bewahren. Da aus den Bildern nichts zum Betrachter spricht, der Blick nirgendwo wirklich hängen bleibt, wirken sie erstaunlich beruhigend. Sie verströmen Stille und ein Gefühl von angehaltener Zeit. Das Niemandsland eines beliebigen amerikanischen Stadtrandes wird zum kontemplativen Ruhepol.Auf den ersten Blick wirken Gamdrups Motive beliebig ausgewählt. Tritt man ein paar Meter zurück, entpuppen sie sich aber als wohlkomponiert. Der Künstler liebt es, die Bilder von breiten Vertikalen wie einer langgestreckte Lagerhalle oder einer Hochstraße bestimmen zu lassen. Die intensive, präzise Wiedergabe von Licht und Farben erzielt er durch ein Print-Verfahren, bei dem jede der Grundfarben über ein Einzelnegativ belichtet wird. Erde, Dinge, Himmel sind die wiederkehrenden "Schichten" seiner Bilder. Gerade weil viele der abgelichteten Bauten so ausgesprochen gestaltarm sind, ist es ihm ein Leichtes, aus den realen Dingen beinahe abstrakte Kompositionen aus kubischen Körpern und Farbfeldern herauszufiltern.Im Gegensatz zur Kargheit der anderen Bilder verströmt das Abendbild vom Parkplatz eines kleinen Drive-In-Restaurants eine fast poetische Stimmung: Über dem Flachbau des Restaurants steigt ein Regenbogen in den Himmel, am Horizont sieht man sattgrüne Bäume und eine Gebirgskette im letzten Licht. Die Zufahrt wird von überlebensgroßen Pappmaché-Figuren gesäumt, die sich in die Luft recken.Gamdrup bildet das ab, was schon eine Reihe von Fotografen (etwa Wim Wenders) an den amerikanischen Endlos-Peripherie so faszinierte: der omnipräsente Ausdruck von Verlassenheit und Leere. Dazu das Fehlen jeder urbanen Hierarchie und die Beziehungslosigkeit der einzeln Dinge. Alles steht für sich alleine.

Galerie Bodo Niemann, Hackesche Höfe, Hof VI, bis 4. September; Mittwoch bis Freitag 13-18 Uhr, Sonnabend 12-18 Uhr.

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